Palästinensische Demonstranten sitzen auf einer Barrikade vor einem Feuer. | dpa

Gewalt in Nahost Keine Waffenruhe in Sicht

Stand: 14.05.2021 13:34 Uhr

Während sich die Hamas mit ihren Raketenangriffen brüstet, befiehlt Israels Premier harte Vergeltungsschläge. Die Konfliktparteien sind von einer Annäherung weit entfernt - und haben daran auch nur wenig Interesse.

Von Tim Aßmann, ARD-Studio Tel Aviv

Der Mann im Tarnanzug gibt sich martialisch. Abu Ubaida, so nennt er sich, zeigt sein Gesicht lieber nicht im Internetvideo und verdeckt es mit einem Palästinenserschal. Er bezeichnet sich als Sprecher der Kassam-Brigaden, des militärischen Flügels der Hamas.

Tim Aßmann ARD-Studio Tel Aviv

In dem Video, das bereits gestern veröffentlicht wurde, stellt der Sprecher den Raketenbeschuss israelischer Städte als ziemlich leichte Übung für seine Gruppe dar: "Die Entscheidung, Tel Aviv, Jerusalem, Dimona, Aschkelon, Aschdod, Beerscheba oder jede andere Stadt aus unserem Gebiet heraus zu beschießen, war leichter für uns, als ein Glas Wasser zu trinken."

Israel greift Tunnelsystem der Hamas an

Abseits solcher Parolen haben die Hamas und andere bewaffnete Gruppen im Gazastreifen in den vergangenen Tagen aber offenbar durchaus empfindliche Schläge durch die israelischen Angriffe einstecken müssen. Eine Reihe von Kommandeuren der Gruppen wurde gezielt durch Bomben oder Raketen getötet. Und auch die Infrastruktur der militanten Organisationen im Gazastreifen ist im Visier des israelischen Militärs.

In der vergangenen Nacht erlebten die Menschen in dem abgeriegelten Küstengebiet die schlimmsten Angriffe seit Beginn der Kämpfe am Montag. Israelische Geschütze, Kampfflugzeuge, Drohnen und Helikopter beschossen zahlreiche Ziele. Nach Angaben der israelischen Armee galten die Attacken vor allem einem unterirdischen Tunnelsystem der Extremisten-Gruppen. Die Tunnel verlaufen unter bebautem Gebiet im dicht besiedelten Gazastreifen. Die Angriffe treffen also zwangsläufig auch die Zivilbevölkerung.

Das Tunnelsystem "Metro"

Der Gazastreifen ist eines der am engsten besiedelten Gebiete der Welt. Israel beobachtet den Küstenstreifen permanent - etwa mit Drohnen aus der Luft oder über elektronische Überwachung. Für Kämpfer und Kommandeure bedeutet das: Sie müssen sich etwas ausdenken, um unbemerkt von A nach B zu kommen, um Waffen zu transportieren oder zu fliehen.

Hier kommt ein System ins Spiel, das die israelische Armee "Metro" nennt. Es handelt sich um ein weit verzweigtes, kilometerlanges System aus Tunneln. Es birgt für die israelische Armee enorme Herausforderungen. Denn greift Israel die Tunnel an, kann es wegen der dichten Besiedlung im Gazastreifen auch zu Opfern in der Zivilbevölkerung kommen.

Dass militante Organisationen im Nahen Osten Tunnel bauen, ist weit verbreitet. Auch die Hisbollah im Libanon versucht so, geheime Wege nach Israel zu schaffen, um möglicherweise anzugreifen.

Von Benjamin Hammer, ARD-Studio Tel Aviv

"Das letzte Wort ist noch nicht gesprochen"

Die von der Hamas geführte Gesundheitsbehörde in dem Küstengebiet meldete am Vormittag 119 Tote seit Ausbruch der Kämpfe. Unter den Opfern sind den Angaben zufolge 31 Minderjährige und 19 Frauen. Mehr als 800 Menschen wurden verletzt. Israel hat die Angriffe unterdessen verstärkt, wie es Regierungschef Benjamin Netanyahu bereits in der Nacht angekündigt hatte.

"Ich sagte ja, Hamas und die anderen Terrorgruppen würden einen hohen Preis bezahlen müssen. Dafür sorgen wir mit großer Härte und das wird weitergehen", so Netanyahu. "Das letzte Wort ist noch nicht gesprochen. Diese Operation wird solange andauern wie nötig, um Ruhe und Sicherheit für Israel wiederherzustellen."

Keine Zeichen eines Einlenkens

Aktuell hat die israelische Regierung an einer Waffenruhe kein Interesse. Zunächst sollen die militärischen Ziele erreicht werden - und damit eine nachhaltige Schwächung der militanten Palästinensergruppen im Gazastreifen. Aber auch die Palästinenser zeigen keine Zeichen eines Einlenkens und schießen weiter Raketen auf israelische Ortschaften, vor allem entlang der Gaza-Grenze.

In der vergangenen Nacht stürzte in Israel eine 87-Jährige auf dem Weg in einen Schutzraum und verletzte sich tödlich. In der Küstenstadt Aschkelon gab es mehrere Verletzte durch einen direkten Raketentreffer. Insgesamt wurden auf israelischer Seite bisher neun Todesopfer seit Beginn der Kämpfe gezählt. Hunderte Menschen wurden verletzt.

"Wir werden keine Anarchie dulden"

Zudem reißen die Unruhen in mehrheitlich arabisch bewohnten Orten Israels nicht ab. In der vergangenen Nacht kam es erneut zu schweren Zusammenstößen zwischen arabischen Einwohnern und Sicherheitskräften. Netanyahu kündigte ein entschlossenes Vorgehen an: "Wir stehen zu hundert Prozent hinter der Polizei, den Soldaten, der Grenzpolizei und den anderen Sicherheitskräften, wenn sie Recht und Ordnung in Israels Städten wiederherstellen. Wir werden keine Anarchie dulden."

Damit bezog sich Netanyahu auf die Übergriffe jüdischer Israelis auf arabische Israelis und umgekehrt. Mit einem baldigen Ende der Unruhen innerhalb Israels wird nicht gerechnet. Es ist diese Explosion von Hass und Gewalt aus der Gesellschaft heraus, die vielen Israelis derzeit große Sorgen macht.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 14. Mai 2021 um 12:00 Uhr.