Uniformierte Soldaten mit Gewehren gehen während einer Demonstration in Yangon (Archivbild) | dpa

Deserteure in Myanmars Armee Nicht mehr bereit, auf eigenes Volk zu schießen

Stand: 21.05.2021 09:10 Uhr

Seit dem Militärputsch ist Myanmar in Aufruhr, die Junta geht hart gegen Proteste vor. Doch mehrere Soldaten wollen keine Gewalt mehr gegen das eigene Volk und sind desertiert. Die Reaktion der Armee ist hart.

Von Holger Senzel, ARD-Studio Singapur

Tatmadaw heißen die Streitkräfte in Myanmar, und sie pflegen bis heute einen regelrechten Mythos. Die Tatmadaw hat dem Land die Unabhängigkeit gebracht. Die Tatmadaw garantiert die nationale Einheit in dem von ethnischen Konflikten zerrissenen Land. Und die Tatmadaw reicht dem Volk die Hand, um die Demokratie zu schützen. Das sagte Armeechef Min Aung Hlaing allen Ernstes, während seine Truppen auf den Straßen der Städte mit Sturmgewehren das Feuer auf friedliche Demonstranten eröffneten. Mindestens 800 Menschenleben hat die Tatmadaw seit dem Putsch am 1. Februar auf dem Gewissen.  

Holger Senzel ARD-Studio Singapur

Armee beunruhigt über abtrünnige Soldaten

Major Lin Htet Aung von der Leichten Infantriebrigarde 482 ist der bislang ranghöchste Offizier, der desertierte, weil er nicht zum Mörder am eigenen Volk werden wollte. In der Widerstandsbewegung ist von Tausenden geflohenen Soldaten die Rede. Genaue Zahlen lassen sich nicht belegen, doch sie sind erheblich. Wie tief die Armeeführung über abtrünnige Soldaten beunruhigt ist, zeigen die harten Reaktionen:

Die Offiziere behalten daher den Sold der niedrigen Ränge ein - vor allem der Singles, die keine Familie haben. Sie dürfen auch nicht mehr allein die Kaserne verlassen, nur in Gruppen und in Begleitung von Offizieren. Aber selbst vielen Offizieren ist es nicht mehr erlaubt, die Kasernen zu verlassen. Das Misstrauen und die Angst bei der Armeeführung ist sehr groß, seit so viele desertieren und sich dem Widerstand anschließen.

Angst vor der Rache der Armee

Vor allem Alleinstehende fliehen - für Soldaten, die mit ihren Familien in den Militärunterkünften leben, sei es sehr viel schwieriger, sagt dieser Ex-Soldat, der anonym bleiben will, weil er Angst vor der Rache der Armee an Angehörigen oder Freunden hat: "Die Wohnungen von Angehörigen desertierter Soldaten werden von der Armee durchsucht - Familienmitglieder werden unter Druck gesetzt oder sogar verhaftet. Manche Soldaten fliehen auch mit ihren Familien, aber das ist gefährlich und ohne Geld auch schwierig".

Ein Staat im Staat

Die Tatmadaw ist ein Staat im Staat. Mit eigenen Schulen und Krankenhäusern, abgeschottet von der Bevölkerung. Eine Armee, die noch nie gegen eine Bedrohung von außen, sondern immer nur den Feind im Inneren gekämpft hat, das eigene Volk also. Fast die gesamte Wirtschaft - Handelsunternehmen, Fabriken, Banken - liegt in den Händen der Militärs. Das macht - etwa im Jadehandel - die hohen Offiziere zu Millionären, während die einfachen Soldaten schlecht behandelt und schlecht bezahlt werden. Der Druck sei enorm, sagt Major Lin Htet Aung. Dennoch seien mehr und mehr Soldaten nicht mehr bereit, auf das eigene Volk zu schießen. Auch wenn es vielen nicht gelänge, zu desertieren.

Es sind viele verhaftet worden, weil sie sich geweigert haben, bei der Niederschlagung von Protesten mitzumachen. Die sitzen jetzt in Militärgefängnissen und haben natürlich keine Möglichkeit, sich zu äußern. Aber ich weiß, dass es diese Fälle gibt.

Druck auf die Tatmadaw wächst

Major Aung bildet jetzt Freiwillige an der Waffe aus für die Volksbefreiungskräfte der Untergrundregierung. Zugleich erhöhen die zahlreichen Milizen der ethnischen Minderheiten in den Grenzregionen den Druck auf die Tatmadaw. Auch der friedliche Protest Zehntausender Menschen in den Städten des Landes hat nichts von seiner Entschlossenheit eingebüßt, während die Junta mit der Regierung des Landes überfordert ist - Verwaltung, Schulen, Banken, Geschäfte, nichts funktioniert. Offiziell hat die Armee eine Stärke von einer halben Million. Militärexperten schätzen jedoch, dass höchstens 50.000 Mann unter Waffen sind.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 21. Mai 2021 um 06:25 Uhr.