Demonstranten schützen sich gegen das Militär. | AP

Proteste in Myanmar Die Wut ist größer als die Angst

Stand: 09.03.2021 07:05 Uhr

Nachts kommen die Greiftrupps der Polizei und holen die Menschen aus ihren Häusern. Tagsüber prügeln die Sicherheitskräfte auf die Demonstrierenden in Myanmar ein. Doch die lassen sie sich nicht einschüchtern.

Von Holger Senzel, ARD-Studio Singapur

Die Demonstranten in Yangon erinnern an eine Schildkrötenformation römischer Legionäre, wenn sie mit überlappenden Schilden trainieren, einen Angriff der Polizei abzuwehren. Im Zweifelsfall nützt der selbst gebaute Schutz allerdings wenig. Geschosse aus scharfen Waffen durchschlagen das Blech mühelos. Erst gestern wurden im Norden Myanmars wieder drei Menschen getötet, als die Polizei in protestierende Mengen feuerte. "Frohes neues Jahr", rufen Demonstranten als sarkastische Antwort auf die Schüsse der Polizei.

Holger Senzel ARD-Studio Singapur

Nachts kommen die Greiftrupps der Polizei

Die Friedfertigkeit der Protestierenden hält die Sicherheitskräfte allerdings nicht von Gewaltexzessen ab. Videos in sozialen Netzwerken zeigen Polizisten, die mit Schlagstöcken auf am Boden Liegende einprügeln, Tränengasschwaden ziehen durch die Straßen. Die Demonstranten versuchen die Wirkung des Reizstoffes mit Schaum aus Feuerlöschern zu mindern. Und immer wieder zerren die Greiftrupps der Polizei Menschen aus der Menge oder holen sie nachts aus ihren Wohnungen.

Der Tod eines Funktionärs aus Aung San Suu Kyis "Liga für Demokratie" im Polizeigewahrsam hat die Menschen schockiert. Fotos zeigen seinen Kopf mit blutverschmiertem Verband, erzählt die Mitarbeiterin des ARD-Radios in Yangon: "Dieser Fall hat uns deutlich gemacht, dass das Militär jeden jederzeit einsperren kann und dass sie Menschen völlig grundlos töten können."

Demonstranten schützen sich mit Schilden gegen das Militär in Yangon. | AFP

Demonstranten schützen sich mit Schilden gegen das Militär in Yangon. Bild: AFP

Demonstranten schützen sich mit Schilden gegen das Militär in Yangon. | AP

Und mit Feuerlöschern versuchen sie, die Wirkung von Tränengas zu mindern. Bild: AP

Sicherheitskräfte kontrollieren Smartphones

Noch ist die Wut der Menschen auf den Straßen größer als ihre Angst. Mit dem Ruf "Doe Aye" ("Es ist unsere Pflicht") ziehen sie durch die Straßen. In Yangon, der größten Stadt des Landes, hat die Polizei 200 friedliche Demonstranten eingekesselt. Armeeeinheiten, so berichtet es unsere Mitarbeiterin, campieren in vielen Städten auf Krankenhausgeländen und schüchtern Ärzte, Pflegepersonal und Patienten ein.

Außerdem gingen die Sicherheitskräfte dazu über, verstärkt die Smartphones von Menschen auf den Straßen zu kontrollieren und ihre Kontakte zu überprüfen: "Auch das Telefon meiner Mutter ist gestern überprüft worden, als sie in einen anderen Ort reiste. Auch wurden die Lizenzen für vier Zeitungen widerrufen. Sie dürfen keine Nachrichten mehr verbreiten. Das bedeutet, dass jegliche Redefreiheit und die Freiheit, Informationen auszutauschen, jetzt vom Militär beendet wurden."

19-Jährige wird exhumiert

Unterdessen wurde die Exhumierung der 19-Jährigen angeordnet, die bei einer Demonstration erschossen worden war. Sie hatte bei ihrem gewaltsamen Tod ein T-Shirt mit der Aufschrift "Alles wird gut" getragen. Die Behörden bestreiten, dass der Schuss von Polizei oder Militär abgefeuert wurde.

Die Junta, die sich am 1. Februar an die Macht putschte, hat inzwischen einen PR-Agenten angeworben. Ari Ben-Menashe, ein früherer Waffenhändler, der bereits für Zimbabwes Robert Mugabe, das sudanesische Militär und Präsidentschaftskandidaten in Venezuela, Tunesien und Kirgistan gearbeitet hat, soll "dabei helfen, die wahre Situation im Lande" zu vermitteln.

Über dieses Thema berichtete B5 aktuell am 09. März 2021 um 07:51 Uhr.