In Yangon setzte die Polizei Tränengas gegen die Demonstrierenden ein.  | EPA

Proteste in Myanmar "Die Sache ist es wert, dafür zu sterben"

Stand: 12.03.2021 10:31 Uhr

Binnen eines Tages wurden in Myanmar bei Protesten gegen die Militärjunta sieben Menschen von Sicherheitskräften getötet. Dennoch gehen die Demonstrationen im Land weiter.

Holger Senzel, ARD-Studio Singapur

Trauerfeier für einen erschossenen Demonstranten. Tag für Tag werden überall in Myanmar Väter, Mütter, Töchter, Söhne, Schwestern und Ehemänner zu Grabe getragen. Zurück bleiben trauernde, wütende, fassungslose Angehörige.

Holger Senzel ARD-Studio Singapur

"Er ist jeden Tag auf die Straße gegangen, obwohl ich ihn gebeten habe, nicht zu gehen", sagt die Frau des Verstorbenen. "Ich sagte ihm, in welche Schwierigkeiten uns das bringen würde, wenn ihm etwas passiert - weil wir ein Kind haben und ein anderes Baby unterwegs ist. Aber ich konnte ihn nicht stoppen."

"Für die Demokratie im Land muss gekämpft werden"

Er habe daraufhin gesagt, die Sache sei es Wert, dafür zu sterben. Die Demokratie würde das Land nicht geschenkt bekommen, sondern dafür müsse gekämpft werden. "Jetzt, wo er von uns gegangen ist, darf ich nicht einmal seine Leiche sehen", sagt sie.

Sicherheitskräfte feuern mit scharfer Munition auf Demonstranten. Sieben Tote gab es allein innerhalb der vergangenen 24 Stunden. Mehr als 70 Opfer durch Schussverletzungen seit dem Putsch am 1. Februar haben die Vereinten Nationen gezählt, mehr als die Hälfte davon waren junge Menschen unter 25 Jahren. 

Seit die UN die Gewalt verurteilt haben, habe die Brutalität sogar drastisch zugenommen, sagt UN-Beobachter Thomas Andrews. "Wir haben vielfältige Video-Beweise dafür, dass Sicherheitskräfte Demonstranten, Ärzte, Sanitäter und unbeteiligte Passanten schlagen", sagt Andrews. "Sie ziehen durch die Stadtviertel, zerstören Eigentum, plündern Geschäfte, verhaften willkürlich Menschen und feuern absichtlich in Wohnungen."

Mehr als 2000 Festnahmen seit Putsch

Greiftrupps der Polizei machen Jagd auf Demonstranten: Nachts zerren sie führende Mitglieder der Bewegung des Zivilen Ungehorsams aus ihren Wohnungen, Hilfeschreie hallen durch die Häuserblocks. Mehr als 2000 Festnahmen gab es bereits seit dem Putsch, schätzt Andrews. 

Familien bleiben ohne Nachricht, bangen um das Schicksal ihrer Angehörigen. Es gibt Berichte von schweren Misshandlungen in Polizeigewahrsam. Auch dort gab es bereits Tote.

Unterdessen wirft die Militärjunta der entmachteten Aung San Suu Kyi nun auch Korruption vor. Zuwendungen über 600.000 US-Dollar (500.000 Euro) sowie 11 Kilo Gold soll die frühere De-facto-Staatschefin entgegengenommen haben und dafür angeklagt werden. Für die Journalistin Thin Lei Win ist das keine Überraschung.

"Militärjunta will Aung San Suu Kyi diskreditieren"

"Diese Anklage war zu erwarten", sagt sie. "Die Junta tut vom ersten Tag des Putsches an alles, um Aung San Suu Kyi zu diskreditieren. Das fing an mit der fehlenden Importlizenz für die Walkie-Talkies ihrer Bodyguards. Dann war die Rede von Wahlbetrug - und jetzt das. Es ist absolut lächerlich. Und sogar wenn es wahr wäre, ist das keine Entschuldigung für einen Militärputsch."

General Min Aung Hlaing - der neue starke Mann in Myanmar - hatte seinen Putsch mit angeblichem Wahlbetrug gerechtfertigt, ohne dafür Beweise vorzulegen. Er präsentiert sich nun als Retter der Verfassung und verspricht eine Rückkehr zur Demokratie und Neuwahlen innerhalb eines Jahres.

Gegen die in Myanmar überaus populäre Aung San Suu Kyi und ihre Liga für Demokratie hätte die Partei des Militärs in freien und fairen Wahlen jedoch nicht die geringste Chance. Falls Mutter Suu, wie sie im Volk liebevoll genannt wird, jedoch in dem Prozess gegen sie verurteilt wird, wäre sie als Vorbestrafte politisch kaltgestellt.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 12. März 2021 um 11:00 Uhr.