Demonstrantinnen und Demonstranten halten Schilder hoch | AFP

Proteste in Myanmar Wut gegen die Militärjunta

Stand: 21.02.2021 11:24 Uhr

Einen Tag nach dem Tod von zwei Demonstranten durch Polizeischüsse in Myanmar gehen die Menschen wieder auf die Straße. Im ganzen Land gibt es Proteste gegen den Militärputsch.

Von Holger Senzel, ARD-Studio Singapur

Es sind verstörende Bilder in den sozialen Netzwerken: Ein Mann liegt regungslos im Schmutz auf dem Bauch. Es ist Nacht, Handy-Lampen beleuchten die Blutlache unter seinem Kopf. Viele hundert Menschen umringen den Toten, sie sind aufgebracht und wütend, ungeheuer wütend.

Holger Senzel ARD-Studio Singapur

Zwei Tote blieben zurück nach den Protesten in Myanmars zweitgrößter Stadt Mandalay, erschossen von Soldaten oder Polizisten, die mit scharfen Schüssen in die Menge die Kundgebung vor einer Schiffswerft auflösten.

Tausende protestieren

Die Demonstranten hatten streikende Arbeiter unterstützt, die vom Militär gewaltsam zurück zur Arbeit gezwungen worden waren. 18 Menschen wurden verletzt. Bilder zeigen, wie blutende Menschen auf Tragen abtransportiert werden, Patronenhülsen liegen auf dem Asphalt. Einen Tag zuvor war in der Hauptstadt Naypidaw eine 20-jährige Studentin nach einwöchigem Todeskampf ihren Verletzungen erlegen. Sie war von einem Kopfschuss getroffen worden.

Und doch versammelten sich auch am Sonntag wieder Tausende in Naypidaw, Mandalay und Yangon zum Protest, trommelten mit Topfdeckeln und auf Mülleimern lautstark ihre Wut gegen die Militärjunta heraus. Sie trotzten dem massiven Aufgebot der Sicherheitskräfte.

Aufmarsch der Staatsmacht

Wasserwerfer, Polizisten und Soldaten mit Sturmgewehren - es war ein bedrohlicher Aufmarsch der Staatsmacht, die den Massenprotest offenbar mit allen Mitteln zum Schweigen bringen will. Nachts rückt die Polizei aus, um Gegner der Junta aus ihren Wohnungen zu holen. Das Kriegsrecht gibt ihnen die Handhabe, Menschen jederzeit ohne Haftbefehl einzusperren. Doch je brutaler die Militärregierung gegen die Massenproteste vorgeht, um so mehr scheint die Entschlossenheit zum zivilen Ungehorsam zu wachsen.

Facebook sperrt Nachrichten-Seite der Militärjunta

Facebook hat eine von der Militärführung in Myanmar betriebene Nachrichten-Seite gesperrt. Die "True News"-Seite der Armee sei wegen wiederholter Anstiftung zur Gewalt blockiert worden, teilte Facebook mit.

Das US-Onlinenetzwerk hatte in den vergangenen Jahren bereits Hunderte Seiten mit Verbindungen zur Armee gesperrt. 2018 blockierte Facebook die Konten von Militärchef Min Aung Hlaing und anderen Generälen. 

Lahmgelegt durch Proteste

Myanmar ist eines der ärmsten Länder Südostasiens und durch die Corona-Pandemie wirtschaftlich noch mehr am Boden. Das Land wird zunehmend lahmgelegt durch die Proteste. Arbeiter gehen nicht mehr in ihre Fabriken, drei Viertel der öffentlichen Bediensteten sind im Streik, sogar technische Einheiten der Armee schlossen sich dem Widerstand an.

Die Kunstwelt ist ohnehin dabei - so wie der bekannte Regisseur Lu Min: "Wir haben in unserem Land so oft Gewalt und Diktatur erlebt, selbst in unserer eigenen kurzen Lebensspanne. Es wird Zeit, diese schreckliche Tradition auszurotten, dass Leute mit Waffen die gewählte Regierung rauswerfen können, wann immer sie wollen."

Absurde Anklagen gegen Aung San Suu Kyi

Viele Demonstrantinnen haben sich als Aung San Suu Kyi verkleidet. Die Armee hatte die De-facto-Regierungschefin bei ihrem Putsch unter Hausarrest gestellt und macht ihr jetzt mit absurden Anklagen wie dem illegalen Import von Funkgeräten und Verstoß gegen das Katastrophenschutzgesetz den Prozess. Der 75-Jährigen drohen sechs Jahre Haft.

Bei den Wahlen vergangenen November hatte sie die absolute Mehrheit erzielt. General Min Aung Hlaing, ein neuer starker Mann in Myanmar, sprach von Wahlbetrug, für den es keine Beweise gebe. Er präsentiert sich als Retter der Verfassung und verspricht Neuwahlen und die Rückkehr zur Demokratie innerhalb eines Jahres. Doch seine schwerbewaffneten Soldaten auf den Straßen sprechen eine andere Sprache.

"Kabar Ma Kyee Bu" - die Hymne des Widerstandes - man hört sie überall in Myanmar. Das Lied nach der Melodie von "Dust in the wind" entstand nach den Protesten gegen die Militärdiktatur im Jahr 1988. Damals tötete die Armee Tausende. "Kabar Ma Kyau Bu - wir werden niemals vergessen. Bis ans Ende der Welt werden wir uns erinnern" - so tönt es in den Straßen.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 21. Februar 2021 um 09:00 Uhr.

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KOMMENTARE

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Sisyphos3 21.02.2021 • 23:12 Uhr

21:26 von Peter Goge

Gegen Belarus, Russand oder Nordkorea laufen auch viele Sanktionen. Aber was nutzt es? Leider nicht viel. . warum nicht gegen China ? Saudi Arabien oder alle anderen Diktaturen dieser Welt über 50 % der Menschen, so wird behauptet, leben in Diktaturen