In Yangon (Myanmar) warten Menschen darauf, dass ihre Sauerstoffflaschen befüllt werden. | AFP

Putsch und Corona Doppeltes Leid in Myanmar

Stand: 24.07.2021 16:28 Uhr

In Myanmar breitet sich das Coronavirus immer weiter aus. Die Militärjunta bekämpft lieber die eigene Bevölkerung anstatt das Virus. Erkrankte wollen lieber sterben, als sich vom Feind helfen zu lassen.

Von Jennifer Lange, ARD-Studio Südostasien, zurzeit Hamburg

Sie tragen Fackeln, schwenken Fahnen und rufen: "Wir haben keine Angst vor Corona, warum sollten wir dann Angst haben vor Diktatoren?" Dabei zeigen die rund 50 Demonstranten in der Stadt Yangon den Drei-Finger-Gruß. Die Geste des Protests gegen die Militärjunta, die am 1. Februar geputscht und die Macht in Myanmar übernommen hat. 

Jennifer Lange

Doch Corona macht immer mehr Menschen Angst, denn das Virus breitet sich im Land immer weiter aus. Es gibt Tausende Neuinfektionen pro Tag und Hunderte Tote. Viele Ärzte und Pflegekräfte sind kurz nach dem Putsch nicht mehr zur Arbeit gekommen - aus Protest gegen die Militärjunta.

In einem zentralen Krankenhaus in Yangon, Myanmars größter Stadt, sind von 400 medizinischen Mitarbeitern nur noch 40 im Dienst. Der Rest hat sich der Bewegung des zivilen Ungehorsams angeschlossen und arbeitet teils in Untergrundkliniken. Daher fehlt mitten in der vierten Corona-Welle qualifiziertes Personal in den städtischen Kliniken.

Angst vor Verhaftung

Erkrankte könnten alternativ in die Militärkrankenhäuser gehen. Doch dorthin wollen viele nicht, weil sie vom Militär keine Hilfe annehmen wollen. Andere haben Angst, verhaftet zu werden - wie die Familie von Areal. Ihr Vater ist ein prominenter Politiker der Nationalen Liga für Demokratie (NLD), der Partei der gestürzten Regierungschefin Aung San Suu Kyi. Er wurde im Mai vom Militär verhaftet und hat sich im Gefängnis mit Corona infiziert. 

Einen Tag nach seiner Entlassung bekam er Fieber. "Wir dachten erst das läge an den wenigen Vitaminen und der schlechten Ernährung im Gefängnis, aber das Corona-Testergebnis zu Hause war positiv", erzählt Areal. Kurz darauf war die ganze Familie infiziert.

Überfüllte Gefängnisse und viele Infektionen

Nach offiziellen Angaben wurden landesweit bereits 375 Gefangene positiv getestet, darunter auch der prominente NLD-Politiker Nyan Win - ein enger Vertrauter und Berater Aung San Suu Kyis. Wie die Partei mitteilte, starb der 78-jährige Politiker am Mittwoch an Corona. 

Menschenrechtler befürchten, dass es in den überfüllten Gefängnissen verstärkt zu Infektionen kommen könnte. Nach Angaben der Gefangenenhilfsorganisation AAPPB wurden seit dem Putsch 922 Regimegegner von Sicherheitskräften erschossen und knapp 7000 festgenommen.

Es mangelt weiter an Sauerstoff

Als sich der Zustand von Areals Vater verschlechterte, versuchte die Familie, Sauerstoff zu bekommen. Vergeblich - es ist überall ausverkauft und Nachschub fehlt. Das Militär verbietet den Verkauf an Privatpersonen. Sie sagen, so wollten sie verhindern, dass die Menschen zu Hause zu viel Sauerstoff horten - ohne, dass sie ihn wirklich bräuchten. Alle Vorräte sollen stattdessen zentral in die Krankenhäuser und Gesundheitszentren - geleitet vom Militär. 

Doch dort werden viele Hilfesuchende abgewiesen. Andere wollen nicht dorthin - wie Areal und ihre Familie. "Wir vertrauen dem Militär nicht. Im Krankenhaus behandeln nur noch Militärärzte", erzählt Areal. Da würden sie sich lieber selbst zu Hause behandeln. "Wir sterben lieber, als von denen behandelt zu werden." 

Als die Situation ihrer Eltern noch schlechter wird, bittet sie in sozialen Netzwerken um Hilfe. Eine befreundete Ärztin gibt ihnen eine Zehn-Liter-Sauerstoffflasche. Aber die reiche gerade mal für 45 Minuten.

Ein Mann sitzt in Mandalay (Myanmar) auf leeren Sauerstoffflaschen | AFP

Warten, dass die Flaschen befüllt werden: Wie hier in Mandalay wächst mit steigenden Infektionszahlen die Nachfrage nach Sauerstoff. Bild: AFP

Hilfe im Untergrund

Statt in den Militärkrankenhäusern suchen viele Hilfe bei Ärzten, die in den Untergrund gegangen sind. Wie bei der Ärztin Thiri. Mit anderen bietet sie eine Online-Beratung an. Schon am ersten Tag hätten sich mehr als 200 Menschen bei ihnen gemeldet. Ihre Chefs aus dem Krankenhaus, wo sie vor dem Putsch gearbeitet hatte, wurden verhaftet. 

"Meine Chefs haben entschieden, dass sie nicht unter dem Militär arbeiten wollen", erzählt Thiri. "Wir kannten Beispiele aus anderen Ländern, die Bewegungen des zivilen Ungehorsams gebildet haben. Wir dachten, wir machen es wie sie. Aber in diesen Ländern werden die Menschen nicht verhaftet. In Myanmar verhaften sie die Ärzte überall, zu jeder Zeit."  

Viele Angriffe auf Helfer

Die Weltgesundheitsorganisation hat seit dem Putsch mehr als 240 Angriffe auf medizinisches Personal, Krankenwagen und Kliniken dokumentiert - fast die Hälfte der weltweiten Angriffe in diesem Zeitraum.

Die Ärzte setzten ihr persönliches Leben und das ihrer Familien aufs Spiel, sagt Jennifer Leigh, Mitarbeiterin einer amerikanischen Menschenrechtsorganisation. Gesundheitspersonal anzugreifen sei eine Verletzung der internationalen Menschenrechte und ein Verstoß gegen die ärztliche Neutralität.

Laut Human Rights Watch haben Militärgerichte seit dem Putsch in Myanmar insgesamt 65 Menschen zum Tode verurteilt. Gegen 39 Angeklagte sei die Todesstrafe in Abwesenheit verhängt worden. "Offensichtlich zielen die Todesurteile darauf ab, die Protestbewegung gegen den Putsch zu unterdrücken", so Shayna Bauchner von Human Rights Watch.

Ärztin Thiri hat von Kolleginnen gehört, dass das Militär ihre Ausrüstung und ihren Sauerstoff aus der Klinik einfach beschlagnahmt hätten. Die Ärzte hatten sich damit auf die dritte Welle vorbereitet. "Jetzt können wir nichts machen außer beten. Solange ich lebe, werde ich versuchen, anderen Menschen zu helfen. Mit dem was ich noch habe."

Zusätzliche Wut auf Putschisten

Die Militärregierung will, dass die Ärzte zurück an ihre Arbeitsplätze kommen, kooperieren. Aber sie weigern sich. Freiwillige wie Mikky versuchen, individuell zu helfen. Während der ersten und zweiten Pandemie hat er im großen staatlichen Quarantäne-Zentrum gearbeitet. Aber das gebe es so nicht mehr, erzählt er. Immerhin bekämen die Menschen noch drei Mahlzeiten am Tag, aber behandelt würden sie nicht. "Sie checken nicht mehr die Temperatur, den Blutdruck, den Sauerstoffgehalt im Blut."

Eine gute Behandlung, sagt er, gäbe es nur für Menschen, die dem Militär nahestehen. Die meisten seiner Freunde und Familienangehörigen seien inzwischen an Corona erkrankt. Sie versorgten sich lieber zu Hause. Einige seiner Kollegen seien schon festgenommen worden, weil sie Patienten geholfen hätten, die gegen die Militärjunta sind. "Meine Freiwilligen-Arbeit ist meine Art gegen das Militär zu kämpfen. Ich habe so das Gefühl auch ein Teil der Revolution zu sein", sagt Mikky. Zwei Tage später kommt das Militär zu ihm und drängt ihn und andere für die Junta zu arbeiten. Mikky weigert sich und die Soldaten drohen, ihre Autos mitzunehmen. Das letzte Mal haben sie zwei ihrer Autos zerstört, Scheiben eingeschlagen, Türen und Kotflügel eingedrückt. 

Ärztin Thiri resigniert - auch über den Impffortschritt im Land. "Wäre der Putsch nicht gewesen und wären wir wie geplant geimpft worden, müssten wir dieses Unglück jetzt nicht erleben."

Auch die an Corona erkrankte Areal hatte wenige Tage vor dem Putsch ihre erste Impfung bekommen. Zur zweiten ist sie nicht gegangen. "Es gab Durchsagen bei uns, dass wir uns impfen lassen können. Aber meine Familie und ich weigern uns. Wir wollen zeigen, dass wir nicht mit dem Militär kooperieren."  

Die Militärregierung behauptet, sie tue alles, um die Situation zu verbessern. Sie will neue Ärzte einstellen, hat Impfstoff in Russland bestellt und will sogar selbst - mit russischer Hilfe - Impfstoff produzieren. Areal und die anderen Gegner der Militärjunta glauben diesen Ankündigungen nicht. "All unsere Hoffnung ist verloren. Die Situation wird schlimmer und schlimmer. Alle Dinge, auf die wir gehofft hatten, scheinen gerade nicht realistisch. Wir versuchen einfach unser bestes - zu überleben."

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 09. Juni 2021 um 16:00 Uhr.