Flüchtlinge aus Myanmar in der thailändischen Grenzregion in der Nähe von Mae Sot | dpa
Reportage

Flucht von Myanmar nach Thailand "Wir waren nicht mehr sicher"

Stand: 18.12.2021 04:19 Uhr

In Mae Sot, einem thailändischen Ort an der Grenze zu Myanmar, suchen immer mehr Menschen Zuflucht vor den Angriffen der Militärjunta. Auch auf thailändischer Seite schlugen Granaten ein.

Von Lena Bodewein, ARD-Studio Singapur, zzt. Thailand

Ein Fluss an der Grenze von Thailand nach Myanmar. Eine kaum endende Menschenschlange hat ihn mit Sack und Pack überquert, schlägt sich jetzt in Richtung der Grenzstadt Mae Sot durch. Die Soldaten auf der thailändischen Seite lassen die Flüchtenden passieren. Am Anfang schickten sie sie noch mit Waffengewalt zurück nach Myanmar, zurück in die Gefahr, die vom mordenden Militär ausging.

Lena Bodewein ARD-Studio Singapur

Auf der anderen Seite der Grenze, im Gebiet der ethnischen Minderheit der Karen, haben die Kämpfe zugenommen. In den vergangenen Tagen ist das Militär laut Beobachtern auch in Schutzgebiete eingedrungen: Bereiche, die laut dem nationalen Waffenstillstandsabkommen zwischen Armee und ethnischen Gruppierungen als sicher gelten müssten.

Verletzte nach Armeebeschuss

Auf einmal sind am Grenzfluss Detonationen zu hören. Myanmars Armee feuert immer wieder auf den Bereich, in dem sich die Flüchtenden bewegen, Donnerstag und Freitag gab es Verletzte, die gerade den Fluss überqueren wollten, auch auf thailändischer Seite schlug eine Mörsergranate ein, berichtet der Fernsehsender Thai PBS. In einem Dorf an der Grenze fing eine Zuckerrohrplantage Feuer. Die Grenztruppen mahnten Myanmars Militär offiziell zur Vorsicht und drohten: Das thailändische Militär schreite ein, wenn die Souveränität des Landes verletzt würde.

"Wir wurden überwacht in unserem Heimatort, wir waren nicht mehr sicher", erzählt eine junge Frau. Sie hat schon vor vier Monaten mit der Familie ihrer Schwester Myanmar verlassen. Ihr Vater war verhaftet worden, sie konnten sich nicht verstecken, um andere nicht zu gefährden. "Also haben wir mit einem kleinen Boot den Fluss überquert, mussten uns dann in einem Dorf verstecken und nachts durch einen bergigen Wald laufen. Wir haben die Kinder auf dem Rücken getragen. Damit sie keine Angst haben, erzählten wir ihnen, das sei ein Abenteuertrip, eine Nachtwanderung - und sie müssten ausnahmsweise ganz leise sein."

Geflüchtete kommen in riesiges Lager

Sie kamen sicher nach Mae Sot. In den vergangenen Tagen allein sind 1500 Menschen über die Grenze geflohen. In einem riesigen Lager bewachen thailändische Soldaten sie.

"Hier sind jetzt 3500 Kriegsflüchtlinge, nur 1500 von ihnen können unter einer Überdachung lagern, die anderen brauchen Decken, Zelte, alles", erzählt eine Helferin. Stacheldraht ist ausgerollt, um die Neuankömmlinge von den anderen Menschen zu trennen, ein Pickup-Truck bringt Planen, Hunde und Kinder spielen im Dreck.

Im nahegelegenen Kloster sammeln sich Berge von Spenden: Fertigsuppen, Kinderkleidung, Windeln, Wasser, Saft und Kekse. In riesigen Töpfen kochen Helfer warmes Essen für das Flüchtlingslager.

Hilfe für die Landsleute

In und um Mae Sot leben viele Wanderarbeiter, die einst aus Myanmar nach Thailand gekommen sind, illegal, auf der Suche nach einem besseren Leben. Jetzt geben sie, was sie können, für ihre Landsleute. Phoe Thingyan organisiert Spenden und Essen. Als 17-Jähriger ist er vor der Diktatur aus Myanmar nach Thailand geflohen, das war vor mehr als 25 Jahren. Seitdem ist er im Grenzort Mae Sot geblieben, hat als Arbeitsmigrant in Fabriken geschuftet und eine Familie gegründet. Jetzt hilft er denen, die vor der Neuauflage der Diktatur flüchten.

"Das ist das dritte Mal, dass es zur Revolution kommt, nach 1999 und 2007, aber dieses Mal sind die Menschen so vereint, wie ich sie noch nie erlebt habe. Die neue Generation führt den Aufstand gut an." Und darum, sagt er, ist er optimistisch, dass sie die Diktatur besiegen werden.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 18. Dezember 2021 um 07:39 Uhr in der Sendung "Informationen am Morgen".