Polizisten warten vor dem Gericht, in der gerade ein Verfahren gegen eine Gruppe von Journalisten stattfindet. | REUTERS
Hintergrund

Journalisten in Myanmar "Sie werden uns nicht zum Schweigen bringen"

Stand: 15.03.2021 07:12 Uhr

Das Militär in Myanmar ist weiter fest entschlossen, die Proteste gegen den Putsch mit allen Mitteln zu unterdrücken. Die Repression trifft auch Journalisten. Einschüchtern lassen wollen sie sich aber nicht.

Von Holger Senzel, ARD-Studio Singapur

Nur Schemen sind auf dem nächtlichen Video zu sehen, eine ängstliche Stimme zu hören. "Keine Gewalt! Ich sagte doch, dass ich komme", ruft der Reporter des Senders DVB, als Polizisten die Haustür einschlagen. Glas splittert, Schüsse fallen. "Nicht schießen!" ruft der Journalist und wieder kracht es. "Ich bin getroffen", schreit der junge Mann. "Hilfe, ich bin getroffen!" Erneut Schüsse. “Hilfe", schreit er wieder, "Hilfe! Schlagt die Töpfe, schlagt die Töpfe…"

Holger Senzel ARD-Studio Singapur

Und dann beginnen sie überall in der Nachbarschaft, mit Topfdeckeln zu klappern, als Zeichen des Protestes und als Warnsignal: Achtung, sie kommen. "Seitdem haben wir jeden Kontakt zu unserem Kollegen verloren“, sagt dessen Chef U Than Win Htut, "auch seine Familie weiß nichts über seinen Verbleib und sein Anwalt bekommt keine Informationen."

"Wir machen weiter als Untergrund-Journalisten"

U Than Win Htut ist Nachrichtendirektor von DVB - die Lizenz hat das Militär dem Sender entzogen. Auch andere Medien dürfen nicht mehr senden oder drucken. Es gibt jetzt nur noch das staatliche Fernsehen MRTV und den Sender der Armee. Um so wichtiger seien die sozialen Medien für die Verbreitung von Informationen, sagt U Than Win Htut:

"Natürlich ist es gefährlich. Trotzdem lassen sich die meisten Journalisten nicht einschüchtern. Wir machen weiter als Untergrund-Journalisten, wie wir das schon mal getan haben. Die meisten von uns sind wirklich fest entschlossen, diesen Kampf für die Meinungsfreiheit und die Demokratie fortzusetzen."

Ein Gesetz aus der britischen Kolonialzeit

Ein anderes Video in den sozialen Medien zeigt eine Frau, die verzweifelt gegen die verschlossene Tür eines Gerichtssaales hämmert. "Öffnen Sie für die Anwältin", ruft die Verteidigerin eines Journalisten. "Wieso darf die Anwältin nicht zu ihrem Mandanten?“

Viele Journalisten werden derzeit wegen Aufwiegelung angeklagt - nach einem Gesetz, das noch aus der britischen Kolonialzeit stammt. Vorzugsweise nachts zerren die Sicherheitskräfte Berichterstatter aus ihren Wohnungen, prügeln bei Demonstrationen auf sie ein, durchsuchen Redaktionen, beschlagnahmen Computer.

Informationen über Facebook und Telegram

Die Zentrale des Senders DVB sei kürzlich von Soldaten verwüstet worden, sagt deren Nachrichtenchef U Than Win Htut. "Viele unserer lokalen Korrespondenten verstecken sich. Sie bleiben auch nie lange an einem Ort, sondern sind ständig woanders. Aber sie machen natürlich weiter mit ihrer Arbeit - meistens mit ihren Smartphones. Denn jeder hier verlässt sich auf die Nachrichten und die Videos, die wir auf Facebook posten - oder wir teilen auf der Internetplattform Telegram Informationen über die Bewegungen von Polizei und Militär auf den Straßen."

Düstere Nachrichten und schreckliche Bilder aus einer Diktatur. Von prügelnden Soldaten, Schüssen in den Rücken, von Blut, Gewalt und Unterdrückung. "Das Militär erzeugt ein Klima der Angst", erklärt der Journalist U Than Win Htut, "trotzdem werden sie uns nicht zum Schweigen bringen."

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 15. März 2021 um 09:00 Uhr.