Angela Merkel bei einem Besuch in Israel im Oktober 2018 | dpa

Kanzlerin auf Israel-Besuch "Beeindruckende, sehr starke Frau"

Stand: 09.10.2021 04:11 Uhr

Merkels letzte Israel-Reise als Kanzlerin soll ein Arbeitsbesuch sein. Dass sie die Beziehung zu Israel auch für Kritik nutzte, hat ihrer Popularität im Land nicht geschadet: Viele sehen in Merkel, was ihnen in der eigenen Regierung fehlt.

Von Tim Aßmann, ARD-Studio Tel Aviv

"Ich danke Ihnen, hier sprechen zu dürfen." So wandte sich Angela Merkel am 18. März 2008 an die Abgeordneten des israelischen Parlaments, der Knesset. Sie empfinde diese Möglichkeit als große Ehre, sagte die Bundeskanzlerin. Auf Hebräisch.

Tim Aßmann ARD-Studio Tel Aviv

Diese Ehre wurde zuvor noch keinem deutschen Regierungsoberhaupt zuteil. Den Massenmord an sechs Millionen Juden, verübt durch Deutsche, nannte Merkel einen beispiellosen Zivilisationsbruch, und sie erinnerte an die Verantwortung Deutschlands - auch für die Sicherheit Israels: "Diese historische Verpflichtung Deutschlands ist Teil der Staatsräson meines Landes. Das heißt, die Sicherheit Israels ist für mich als deutsche Bundeskanzlerin niemals verhandelbar."

In Deutschland ist es vor allem diese Aussage, die von der Knesset-Rede 2008 in Erinnerung bleibt: Israels Sicherheit als deutsche Staatsräson. In Merkels Regierungszeit wird dieser Grundsatz vor allem durch die Lieferung weiterer deutscher U-Boote an Israel deutlich.

Geschickte Verhandlerin und klare Kritikerin

In Israel wird die Merkel-Rede vor allem als Beweis der engen Partnerschaft zwischen beiden Ländern gewertet, erinnert sich Dani Kranz, Professorin für Anthropologie an der Ben-Gurion-Universität im südisraelischen Beersheba. "Die Rede in der Knesset hat auf jeden Fall was bewegt. Aber man sollte eben die Wirkung der Politik alleine nicht überschätzen, weil eine Gesellschaft immer mehr als Politik ist", sagt sie. Aber Deutschland werde inzwischen anders wahrgenommen in Israel - "vor allen Dingen durch sehr viel mehr Reisetätigkeiten."

Die deutsch-israelischen Beziehungen sind in den vergangenen Jahren, auch abseits der Politik, intensiver und vielfältiger geworden. Politische Differenzen gibt es weiterhin - vor allem mit Blick auf den israelisch-palästinensischen Konflikt. Merkel hat Deutschlands Unterstützung der sogenannten Zweistaatenlösung immer wieder unterstrichen und auch die israelische Siedlungspolitik in den Palästinensergebieten kritisiert.

Solche Differenzen habe sie deutlich ausgesprochen und auch Kritik geübt, sagt Kranz - "aber sie hat es eben so geschickt gemacht, dass es verhandelt werden konnte. Also, ich denke, sie ist sehr, sehr gut mit dieser sehr komplexen Beziehung umgegangen."

Stabilität, die viele Israelis vermissen

Merkels nun siebte und letzte Reise nach Israel als Kanzlerin ist offiziell ein Arbeitsbesuch: Politische Treffen mit Vertretern der neuen israelischen Regierung stehen im Mittelpunkt. Etwas persönlicher könnte der Besuch bei der Verleihung der Ehrendoktorwürde der Technischen Universität Haifa an die Kanzlerin werden.

In Israel ist Merkel sehr populär. Sie steht für politische Stabilität - und damit für etwas, das sich viele Israelis von ihrer eigenen politischen Klasse mehr wünschen würden. Viele Einwohner von Tel Aviv erinnern sich positiv an die deutsche Kanzlerin: Sie sei eine "sehr beeindruckende, eine sehr starke Frau", die in der Lage sei, schwere Entscheidungen zu treffen - und Israel und Deutschland könnten voneinander lernen, meinen sie.

Die politische Entwicklung in Deutschland nach der Bundestagswahl wird in Israel aufmerksam verfolgt. Große Sorge, dass sich die Beziehungen zwischen beiden Ländern verschlechtern könnten, haben die Israelis nicht.

Über dieses Thema berichtete mdr Akteull am 09. Oktober 2021 um 15:37 Uhr.