In Beirut (Libanon) steht auf einem großen Platz ein Weihnachtsbaum | AFP
Reportage

Weihnachten im Libanon Kein Fest der Hoffnung

Stand: 24.12.2021 03:28 Uhr

Weihnachten im Libanon: Viele Christen müssen auf Geschenke, Gebäck und andere Traditionen verzichten. Eine Wirtschaftskrise hat das Land seit zwei Jahren fest im Griff. Zuversicht gibt es kaum noch.

Von Anne Allmeling, ARD-Studio Kairo

Schnell noch ein bisschen Salz in die Salatschüssel, dann ist das Essen fertig. Den ganzen Vormittag hat Hoda Maalouf gekocht. Elf Personen muss sie satt bekommen - mit Zutaten, die möglichst wenig kosten. Denn die Preise im Libanon steigen täglich.  

Anne Allmeling ARD-Studio Kairo

Mindestens drei Millionen libanesische Pfund brauche sie für Essen im Monat, erzählt Maalouf. Viel Geld, nicht nur für sie: "Wir Libanesen wissen nicht, wie wir überleben sollen."

Zurück in die Wohnung der Mutter

Maalouf stellt einen großen Topf Reis auf den kleinen Wohnzimmertisch, dazu eine Plastikschale mit kleinen Kartoffelstücken in einer Tomatensoße. Um Geld zu sparen, ist die 50-Jährige wieder in der Wohnung ihrer Mutter eingezogen, zusammen mit ihrem Mann und den fünf Söhnen.

Ihre Schwester und deren zwei Töchter leben schon länger dort. Nun teilen sich zu elft drei winzige Zimmer. Trotzdem reicht das Geld nicht einmal zu Weihnachten für Fleisch oder gar für ein kleines Spielzeugauto. Das hat Maaloufs jüngster Sohn auf seinen Wunschzettel geschrieben.

Aber Geschenke wird es nicht geben. Nur einen alten Baum haben sie aufgestellt - damit die Kinder wüssten, das Weihnachten ist. Alles andere, was sie früher zu Weihnachten gemacht hätten, machten sie nicht mehr.

Pessimistische Selbsteinschätzung

So wie Maalouf und ihrer Familie geht es den meisten Menschen im Libanon. Einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Gallup zufolge bezeichnet mehr als die Hälfte der Libanesen ihre Lebenssituation als "sehr schwierig".

Seit gut zwei Jahren steckt das Land in einer schweren Wirtschafts- und Finanzkrise. Das libanesische Pfund befindet sich in freiem Fall, viele Menschen haben ihre Arbeit verloren. Maaloufs Mann arbeitet als Taxifahrer, verdient aber kaum noch etwas - wegen der hohen Benzinpreise.

Sie versuche, den Kindern Hoffnung zu machen, sagt Maalouf, sage ihnen: "Wenn Gott will, geht diese Zeit vorbei." Aber da ist auch die Erinnerung an ihre eigene Kindheit - Maalouf wurde während des Bürgerkriegs geboren. Damals habe man sich auch gesagt, in ein oder zwei Jahren werde es gewiss besser gehen. "Aber die Zeit jetzt ist schwieriger als die damals."

In der Kirche findet die Familie ein wenig Trost. Einmal im Monat bekommen sie dort ein Essenspaket. Hilfe vom Staat gibt es nicht, denn der ist so gut wie bankrott.

Strommangel als Alltag

Auch Ramez Tamotai holt sich alle paar Wochen ein paar Kilo Reis, Zucker oder Öl ab. Dem 75-jährigen Familienvater steht der Kummer ins Gesicht geschrieben. Alle seine Ersparnisse seien weg, sagt er, jetzt habe er "nichts mehr, gar nichts".

Die Strom- und Wasserrechnungen kann Tamotai schon seit einer Weile nicht mehr bezahlen. Strom gibt es ohnehin kaum noch: mal zwei, mal vier Stunden am Tag. Nur dann können er und seine Frau für ihre achtjährige Tochter etwas kochen.

Die Lichterkette am Plastiktannenbaum im Wohnzimmer bleibt dieses Jahr dunkel, in der Wohnung der Familie ist es kalt. Sogar Winterkleidung könnten sie sich nicht mehr kaufen - zu teuer angesichts stark gestiegener Preise.

Tamotai betet dafür, dass keiner von ihnen krank wird. Mit seiner Frau und seiner Tochter Mira steht er ziemlich allein da: Alle seine Verwandten haben den Libanon bereits verlassen. Und die kleine Mira fragt die Reporter nach dem Interview: "Können Sie mich mit nach Deutschland nehmen, bitte?"

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 24. Dezember 2021 um 08:23 Uhr in der Sendung "Informationen am Morgen".