Demonstration vor der Botschaft Saudi-Arabiens in Beirut (Libanon) | AP

Libanon und Saudi-Arabien Hilfe ja, Kritik nein?

Stand: 11.11.2021 06:51 Uhr

Die wirtschaftliche Lage des Libanon ist prekär. Hilfe aus Saudi-Arabien ist mehr als willkommen. Doch dürfen libanesische Politiker das Königreich zugleich kritisieren? Die Frage hat in Beirut eine Regierungskrise ausgelöst.

Von Udo Schmidt, ARD-Studio Kairo

Junge Männer mit Motorrollern und grünen saudischen Flaggen protestieren aufgeregt und lautstark vor der saudischen Botschaft in der libanesischen Hauptstadt Beirut. Sie demonstrieren gegen ihre Regierung und für die Saudis. Youssef Al-Masry steht wild gestikulierend vor einem Reporter der Nachrichtenagentur AP und sagt, die Demonstranten seien gegen Regierungen, die das Königreich Saudi-Arabien und die Golfnationen angreifen. "Wir sind an der Seite der Länder, die uns helfen und uns unterstützen." Und die Libanesen seien Saudi-Arabien Dank schuldig.

Udo Schmidt

Doch wie weit geht dieser Dank? Und wie viel Kritik ist dennoch möglich? Saudi-Arabien hat lange die libanesische Ökonomie mit am Leben gehalten und zumindest vor dem völligen Bankrott bewahrt. Saudi-Arabien ist aber auch zentraler Akteur im schon sieben Jahre dauernden, überaus grausamen Jemen-Krieg. Dort bekämpfen die Saudis an der Seite der schwachen jemenitischen Regierung die pro-iranischen schiitischen Huthi-Milizen, die allerdings weiter im Land vorrücken.

Die Rolle Saudi-Arabiens im Bürgerkrieg wird nun vom libanesischen Informationsminister George Kordahi heftig kritisiert. Der Krieg sei absurd, eine Aggression der Saudis sowie der Vereinigten Arabischen Emirate, sagt der Minister und bekannte TV-Moderator in einem gerade verbreiteten Fernsehfilm, der im August aufgenommen worden war - bevor Kordahi überhaupt Minister wurde. Zu dem Zeitpunkt sprach er noch als Privatmensch.

Sunnit gegen Christen

Das interessiert die wütenden jungen Männer auf den Straßen Beiruts wenig und den Premierminister ebenfalls nicht. Nadjib Mikati, Sunnit mit saudischem Familienhintergrund, forderte seinen christlichen Informationsminister zum Rücktritt auf - "im Interesse unseres Landes. Es kann nicht sein Interesse sein, die Regierung zu schädigen und am Ende aufzulösen."

Kordahi aber weigert sich. Saudi-Arabien hat seinen Botschafter abgezogen und die schiitische Hisbollah unterstützt Kordahi. Der Libanon, der fast gescheiterte Staat, hat ein weiteres Problem - neben der Hyper-Inflation von rund 100 Prozent, der beinahe-Zahlungsunfähigkeit, die zu stundenlangen Stromausfällen, Lebensmittelengpässen und seit Monaten nicht mehr gezahlten Gehältern führt.

Eine ganze Kette an Problemen

Der Libanon kämpft nach Einschätzung der Weltbank mit der schwersten Wirtschaftskrise seit Jahrzehnten. Premier Mikati fasst die Probleme des Libanon auf der Weltklimakonferenz in Glasgow so zusammen: "Der Libanon steht vor vielen Herausforderungen, wir erleben eine soziale, wirtschaftliche Krise, eine Krise des Finanz- und Bankenplatzes, und dazu die Covid 19-Pandemie, die Explosion im Hafen von Beirut vom vergangenen Jahr sowie die syrischen Flüchtlinge, die wir unterbringen. Die Klimakrise stellt uns vor weitere riesige Aufgaben."

Nach dieser Aufzählung bleibt fast nur noch Hoffnungslosigkeit. Der libanesische Premier stellt zwar in Glasgow einen vagen Plan zur Reduzierung der CO2-Emissionen bis 2050 vor. Derzeit allerdings gibt es kaum einen Plan für den Erhalt der Nation während der kommenden zwölf Monate.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 11. November 2021 um 05:50 Uhr.