Eine kleine Laube auf dem Dach - Modell für künftige Dachgärten im Flüchtlingslager Burg El-Barajneh.

Flüchtlingslager im Libanon Dachgärten zur Selbstversorgung

Stand: 02.07.2021 04:18 Uhr

Die Wirtschaftskrise im Libanon trifft auch die Menschen in den Flüchtlingslagern hart. In zwei Camps wollen sich die Bewohner selbst versorgen. Sie pflanzen Gurken und Tomaten auf Dächern an.

Von Anne Allmeling, ARD-Studio Kairo

Mahmoud kniet vor einem kleinen Beet, lockert die Erde, gießt Zucchini und Tomaten. "Ich arbeite mit den Setzlingen, die ich bekommen habe. Ich bewässere sie und bewege die Erde, denn die Pflanzen müssen Luft bekommen", erzählt er. Wenn er sehe, dass die Erde trocken wird, gießt er sie. "Den Pflanzen muss die Umgebung passen."

Anne Allmeling ARD-Studio Kairo

Mahmounds Garten liegt ungewöhnlich hoch: auf dem Dach eines siebenstöckigen Gebäudes - mitten im Flüchtlingslager Schattila im Süden von Beirut. Als das Lager 1949 gegründet wurde, galt es als Provisorium für vertriebene Palästinenser. Doch heute, mehr als 70 Jahre später, platzt es aus allen Nähten. Auch viele Menschen aus Syrien haben hier Zuflucht gefunden. Die Wege sind eng und verschachtelt, die Häuser wachsen immer weiter in die Höhe.

Gemüseanbau auf den Dächern des Flüchtlingslagers Schattila.

Gemüseanbau auf den Dächern des Flüchtlingslagers Schattila.

Libanesisches Pfund im freien Fall

Grünflächen gibt es hier so gut wie gar nicht. Das soll sich jetzt ändern, sagt Haneen Khalid von der palästinensischen Organisation Jafra. Mit finanzieller Unterstützung aus Deutschland, unter anderem von der Welthungerhilfe, helfen sie und ihr Team Bewohnern des Lagers dabei, auf ihren Dächern Gärten anzulegen.

"Ziel unseres Projekts ist, dass die Leute etwas Neues lernen. Wie sie sich um Pflanzen kümmern und was sie damit machen können", sagt sie. Außerdem gehe es um Lebensmittelsicherheit: Die Leute sollen sich selbst versorgen können und nicht alles kaufen müssen.

In den vergangenen zwei Jahren sind die Preise im Libanon stark gestiegen. Denn das Land befindet sich in einer schweren Wirtschafts- und Finanzkrise. Die macht sich in den Flüchtlingslagern besonders bemerkbar: Viele Menschen arbeiten als Tagelöhner, erhalten ihren Lohn in libanesischen Pfund - und dessen Wert sinkt von Tag zu Tag.

Erste Ernte bereits eingeholt

Auch Mahmoud, der seinen vollständigen Namen nicht nennen möchte, kann von seinem Verdienst kaum noch leben. "Ich habe noch eine andere Arbeit, aber die Situation im Land, der Wechselkurs zum Dollar und die Corona-Krise machen alles sehr schwer", sagt er. Es gehe ihm schlecht - so wie allen anderen Leuten.

Die Idee mit den Dachgärten überzeugte den 28-Jährigen anfangs zwar nicht besonders. Doch mittlerweile verbringt Mahmoud zwei bis drei Stunden pro Tag auf seinem Dach: "Der Pfefferminze gebe ich ab und zu Düngemittel. Und wenn ich sehe, dass eine Pflanze am Eingehen ist, schneide ich ihr einen Zweig ab, damit sie doch noch weiterwächst." Er kümmere sich richtig um die Pflanzen. "Und trotz der Hilfe, die ich von der Organisation bekomme, schaue ich bei YouTube nach weiteren Informationen."

Noch sind die Pflanzen in Mahmouds Garten klein. Die meisten wachsen in Eimern oder Plastikwannen. Doch eine erste Ernte hat Mahmoud schon hinter sich: "Hier sind die Gurkenpflanzen. Eine hat schon eine Gurke getragen, aber die hat ein Freund von mir gegessen."

Gewächshaus und Hühnerstall

Im Flüchtlingslager Burj El-Barajneh ein paar Kilometer südlich sind die Gurken, Tomaten und Auberginen schon deutlich größer. Hier hat die Organisation Jafra einen Modellgarten angelegt mit allem, was dazugehört: einem Gewächshaus, einem kleinen Hühnerstall und einer Laube.

Omar beim Ernten von Minze im Flüchtlingslager Burj El-Barajneh

Omar beim Ernten von Minze im Flüchtlingslager Burj El-Barajneh

Das meiste davon hat Omar Ahmed Abu Zeinab gebaut. "Das Schönste hier ist, dass man an einem grünen Ort ist. Das ist das Wichtigste. Auch die Seele findet hier Ruhe. Die Organisation geht sehr geschwisterlich mit uns um. Alle helfen sich gegenseitig."

Vor acht Jahren kam der palästinensische Syrer in den Libanon. Mit seiner Hilfe ist Burj El-Barajneh schon ein klein wenig grüner geworden. "Die Grundfläche des Lagers ist sehr klein. Deshalb gibt es kaum etwas Grünes in diesem Lager", sagt er. Es sei sehr eng. All das Grün hier habe die Jafra-Organisation gemacht. "Wir haben jetzt insgesamt acht grüne Dächer. Das ist wirklich eine schöne Sache, eine neue Idee!" Er habe sich immer gewünscht, einen Baum zu sehen. "Aber das gab es früher nicht."

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 02. Juli 2021 um 15:31 Uhr.