Libanon, Beirut: Menschen gehen an einer Frau vorbei, die mit ihrer Tochter auf dem Boden sitzt und bettelt, neben ihr ein Grafitto mit dem Text: "We are all beggars". | dpa
Reportage

Libanon vor Hungersnot Laute Rufe der Verzweiflung

Stand: 06.05.2021 17:34 Uhr

Ein korruptes politisches System, Misswirtschaft und nicht zuletzt Corona: Der Libanon steckt tief in der Krise. Lebensmittel sind so teuer, dass Ende des Monats eine Hungersnot drohen könnte. Eindrücke aus Beirut.

Von Björn Blaschke, ARD-Studio Kairo

Fatma steht an einem Gemüsestand. Ihr Blick wandert hin und her zwischen den Waren und einem kleinen Jungen. Der Knirps - fünf, sechs Jahre alt - streckt den Erwachsenen um ihn herum eine Hand entgegen. Er bettelt. "Diese armen Menschen wollen essen. Was können die Armen noch essen? Nichts!“, sagt Fatma.

Björn Blaschke ARD-Studio Kairo

Sie ist selbst Mutter von fünf Kindern und schüttelt den Kopf. Vor sich Tomaten, Gurken, Zucchini, Auberginen - und die Preisschilder. Auch sie kann sich das meiste nicht leisten:

Ich suche nach den billigsten Sachen. Wir können uns weder Fleisch noch Geflügel leisten! Nur manches Gemüse. Das Billigste, was ich jetzt gefunden habe, sind Kartoffeln. Das Kilo für 3500 Lira. Ich komme manchmal auf den Markt und kann uns nur Gemüse kaufen, das schon halb verfault ist.

Vezweiflung und hohe Preise

Für ein Kilo Kartoffeln 3500 Lira. Das sind nach offiziellem Wechselkurs mehr als zwei Euro. Sabra ist einer der ärmsten Stadtteile von Beirut. Das Gedränge zwischen den Obst- und Gemüseständen ist groß, die Kundschaft sucht nach günstigen Angeboten. Osama ist Händler und verzweifelt - wegen der Preise, die er verlangen muss, und wegen eines kleinen Bettlers.

"Die Preise sind sehr hoch!", sagt Osama. "Ein Kilogramm Gurken kostet 10.000 Lira, Feigen 3000, das Bund Thymian kostet 5000. Was sollen die Menschen da essen? Wie soll der Junge da noch etwas zu essen finden? Wie?"

Kauf der meisten Waren im Ausland

Laut Weltbank sind die Preise für Nahrungsmittel in keinem anderen Land des Nahen Ostens so hoch wie im Libanon. Das liegt unter anderem daran, dass die meisten Waren im Ausland gekauft werden müssen. Gezahlt werden Importe in Euro oder Dollar. Doch die Devisen werden immer weniger, auch, weil kaum noch jemand Geld in den Libanon bringen will.

Die Krise gehe tief und bestehe aus vielen Krisen, sagt der Finanzexperte der Byblos-Bank, Nassib Ghobril: "Wir hatten eine Wirtschaftskrise, eine Finanzkrise und eine Währungskrise vor dem Ausbruch der Corona-Pandemie - und dann kam noch die Explosion im Hafen von Beirut dazu."

Am 4. August des vergangenen Jahres explodierten im Hafen von Beirut fast 3000 Tonnen Ammoniumnitrat. Die Zerstörung war enorm. Die Hintergründe sind nach wie vor nicht aufgeklärt. Kurz nach der Explosion trat die Regierung zurück. Auf ein neues Kabinett konnten sich die politischen Führer, die zugleich auch Führer der verschiedenen Religionsgruppen im Libanon sind, nicht einigen.

Rufe nach neuer Regierung

Dabei wäre eine neue Regierung die Voraussetzung für einen Weg aus den Krisen, sagt Finanzexperte Ghobril: "Die politischen Parteien zanken sich, statt eine neue Regierung zu bilden. Wir brauchen aber eine Regierung, die lokal und international glaubwürdig ist". Eine Regierung, die einen umfassenden Reformplan für die Wirtschaft und für öffentliche Kassen entwerfe, so Ghobril. Eine, die die öffentlichen Finanzen, die monetäre Situation und die sozialen Bedingungen angehe.

"Und dann muss die neue Regierung den Reformplan nehmen und zum Internationalen Währungsfonds gehen", fügt er hinzu.

Mehr als die Hälfte der Bewohner an Armutsgrenze

Die Krisen des Landes sind hausgemacht, sie sind Folge von Korruption und Misswirtschaft gieriger Eliten, die sich über Jahrzehnte bereichert haben. Heute ist der Libanon bankrott. Laut Weltbank leben mehr als die Hälfte der etwa sieben Millionen Einwohner an oder unter der Armutsgrenze. Mehr als zwanzig Prozent sogar in großer Armut.

Khaled Shehab erlebt das jetzt im Ramadan täglich vor dem Fastenbrechen. Ab dem Nachmittag kommen Menschen zu seiner Armenspeisung im Zentrum von Beirut.

Laute Rufe nach Lösungen

"Das größte Problem ist der Verfall der Währung, weil die meisten Lebensmittel importiert werden müssen", sagt er. Es müsse eine Lösung her. "Während des Ramadan tun die Menschen Gutes und spenden für Essen, auch wenn es gerade weniger ist als früher. So bekommen die Menschen jetzt - im Monat der guten Taten - vielleicht etwas zu Essen. Aber was ist nach dem Ramadan?", fragt er. Das Leben könne so nicht weitergehen. Sonst würden die Leute zu Verbrechen getrieben - Diebstahl und Mord. "Sie werden unmenschlich", so Shehab.

Khaled Shehab ist Geschäftsmann und ein frommer Muslim. Der Islam gebietet ihm, schwächeren Menschen zu helfen, wofür er Geld und Nahrungsmittel sammelt. Bei seiner Armenspeisung macht er keine Unterschiede, wenn es um Religion und Herkunft geht.

"Es gibt nichts"

So ist Shehab auch für Mansour die Rettung. Der 20-Jährige ist einer von mehreren Hunderttausend Syrern, die in den Libanon geflohen sind. "Unsere Situation ist schlecht. Es gibt nichts. Und wir können nicht nach Syrien zurückkehren. Ich komme jeden Tag hierher, um zu essen. Sonst gibt es kein Essen. Es gibt auch keine Jobs", sagt er. Die Arbeit hier bringe nicht viel. Was man als Tagelöhner verdient, reiche eben für die Unterkunft. "Es ist gerade Ramadan. Aber: Gott wird die Dinge schon regeln - auch nach dem Ramadan", hofft Mansour.

Hungersnot droht

Prognosen besagen, dass Ende des Monats, wenn auch der Ramadan zu Ende sein wird, die Devisenreserven des Libanon erschöpft sind. Dann werden wohl auch die Subventionen für Grundnahrungsmittel wegfallen. Die Preise werden dann noch einmal steigen. Dem Libanon droht eine Hungersnot.

Osama, der einen Gemüsestand in Sabra betreibt, sieht schwarz:

Die Explosion, das Coronavirus, keine Regierung. Alles! Zu all dem ist es hier gekommen. Es gibt keine Lösung! Wenn die Großen nicht wollen, wer soll die Krisen im Libanon dann lösen? Wenn es so weitergeht, werden sich die Menschen gegenseitig umbringen. Der eine wird den anderen töten, weil der ihn beklaut hat!

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 20. April 2021 um 01:00 Uhr.