Junge Demonstranten liefern sich vor dem Parlament in Beirut Zusammenstöße mit der Armee. | AFP

Jahrestag der Explosion Beirut zwischen Trauer und Gewalt

Stand: 04.08.2021 22:02 Uhr

Am Jahrestag der Explosion in Beirut haben gewaltsame Proteste die Trauerfeiern überschattet. Demonstranten versuchten, das Parlament zu stürmen. Angehörige der Opfer forderten eine Aufarbeitung des Unglücks.

Während Angehörige am ersten Jahrestag der Explosionskatastrophe im Hafen der Todesopfer gedachten, versuchten Demonstranten das libanesische Parlament zu stürmen. Junge Männer wollten im Stadtzentrum eine Stacheldrahtbarriere überwinden, die den Zugang zum Parlamentsgebäude versperrte. Einige legten Feuer und warfen Steine auf Sicherheitskräfte.

Die Polizei rief friedliche Demonstranten auf, die Gegend zu verlassen. Angesichts wiederholter Attacken würden die Einsatzkräfte mit "verhältnismäßigen Mitteln" gegen "unfriedliche Demonstranten" vorgehen, warnte die Polizei. 

Die Sicherheitskräfte setzten Gummigeschosse, Wasserwerfer und Tränengas gegen die Menge ein. Das libanesische Fernsehen zeigte einen Panzer, der in das Gebiet rollte. Das Rote Kreuz erklärte, dass 21 Menschen verletzt wurden. Acht seien ins Krankenhaus gebracht worden, Dutzende weitere Verletzte würden vor Ort versorgt.

"Als hätten sich die Narben wieder geöffnet"

Währenddessen versammelten sich wenige Hundert Meter von den Krawallen entfernt am Hafen Tausende Menschen zu einer friedlichen Gedenkfeier. Angehörige, Überlebende sowie Ärzte, Krankenschwestern und Demonstranten zogen mit Nationalflaggen zuvor durchs Stadtzentrum. Am Hafen wurde ein großer Gottesdienst und eine Schweigeminute im Gedenken an die Opfer der Explosion abgehalten.

"Es ist ein trauriger Tag für alle Libanesen - obwohl wir diese massive Explosion überlebten, sind wir innerlich tot", sagte Rita Hassan, deren Zuhause bei der Katastrophe zerstört wurde. "Seit gestern spüre ich am ganzen Körper Schmerz, als hätten sich die Narben meiner Wunden wieder geöffnet", sagte Enaam Kajal, die schwer verletzt wurde und mit mehr als 200 Stichen genäht werden musste.

Präsident Aoun verspricht Gerechtigkeit

Viele Hinterbliebene waren empört über die schleppende Aufarbeitung. "Wir wollen einfach Gerechtigkeit sehen", rief die Schwester eines bei der Explosion gestorbenen Feuerwehrmanns. Auch Familien weiterer Feuerwehrleute, die ums Leben kamen, zogen zum Hafen. "Geiseln eines mörderischen Staates" stand auf einem riesigen Banner.

Die Menschen verlangten, dass die Verantwortlichen für die Katastrophe zur Rechenschaft gezogen werden. Demonstranten trugen eine nachgebaute Guillotine. Präsident Michel Aoun versprach am Abend Gerechtigkeit für die Opfer. "Die Wahrheit wird zum Vorschein kommen und jeder Schuldige wird seine Strafe erhalten", sagte er in einer Rede.

300.000 Menschen wurden obdachlos

Bei der Explosion von Hunderten Tonnen Ammoniumnitrat im Hafen von Beirut waren am 4. August 2020 ganze Stadtteile Beiruts dem Erdboden gleichgemacht worden. 214 Menschen starben, 6500 weitere wurden verletzt und rund 300.000 wurden obdachlos. Die von den Behörden eingeleiteten Untersuchungen haben bisher keine Ergebnisse gebracht.

Die Lage im Libanon, der seine schwerste Wirtschaftskrise seit Jahrzehnten durchlebt und mit der Corona-Pandemie ringt, wurde durch die Explosion weiter verschärft. Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) legte neue Beweise für den Vorwurf vor, dass die Regierung die Explosion hätte verhindern können. Trotz mehrfacher Warnungen vor der hochexplosiven Chemikalie habe diese nicht gehandelt.

Bilderstrecke

Explosionen in Beirut (5. August 2020)

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 04. August 2021 um 22:15 Uhr.