Libanon, Beirut: Menschen gehen an einer Frau vorbei, die mit ihrer Tochter auf dem Boden sitzt und bettelt, neben ihr ein Grafitto mit dem Text: "We are all beggars". | dpa
Reportage

Krise im Libanon "Warten, dass Gott uns hilft"

Stand: 25.06.2021 10:25 Uhr

In Beirut ist es nachts dunkel - der Strom ist knapp. Auch Medikamente und Benzin fehlen. Der Libanon steckt in einer tiefen Wirtschafts- und Finanzkrise. Die Lage verschlimmert sich weiter - ohne Aussicht auf Besserung.

Von Anne Allmeling, ARD-Studio Kairo, zzt. Beirut

Salim El-Sayegh führt durch das Gebäude seiner Partei - oder besser: dem, was davon übriggeblieben ist. Die Mauern stehen noch, auch die tragenden Säulen, aber ein großer Teil des Bauwerks wurde bei der gigantischen Explosion im Hafen von Beirut zerstört. Wo früher Fensterscheiben waren, klaffen jetzt Löcher. Salim El-Sayegh deutet auf ein Büro, das den Blick Richtung Meer freigibt.

Anne Allmeling ARD-Studio Kairo

Der Generalsekretär der Kata’ib-Partei, Nazar Najarian, hatte noch versucht, sich in Sicherheit zu bringen, als am 4. August Hunderte Tonnen Sprengstoff im Hafen detonierten. Doch kurze Zeit später erlag er seinen Verletzungen. Viele weitere Menschen, die sich zur selben Zeit in dem Gebäude aufhielten, wurden ebenfalls verletzt. Die Spuren der Explosion sind auch zehn Monate später noch sichtbar im Hauptquartier der Kata’ib-Partei. Nur der Sitzungssaal hinter einer imposanten Holztür ist mittlerweile vollständig renoviert und mit modernen Tischen und Stühlen und einer Mikrophonanlage ausgestattet. Salim El-Sayegh sagt:

Die Leute haben uns viel gespendet. Das geht auch online. Und all unsere Ingenieure und Architekten arbeiten für uns, ohne Geld zu nehmen.

So gut wie bankrott

Die Partei der libanesischen Brigaden, auch Kata’ib genannt, hat Anhänger auf der ganzen Welt - libanesische Christen, die das Land vor Jahren oder Jahrzehnten verlassen haben. Sie schicken Geld, weil sie wissen, dass das kleine Land am Mittelmeer so gut wie bankrott ist - eine Folge von jahrzehntelanger Korruption und Misswirtschaft. Salim El-Sayegh zieht eine düstere Bilanz:

Wir beobachten gerade, wie sich der Libanon zu einem komplett gescheiterten Staat entwickelt. Das bedeutet, dass der Libanon nicht mehr in der Lage sein wird, sich selbst zu regieren. Wir implodieren.

Schon vor der Explosion in der Krise

Schon vor der Explosion im Hafen von Beirut, die einen großen Teil der Stadt zerstörte, steckte der Libanon in einer tiefen Finanz- und Wirtschaftskrise. Das libanesische Pfund hat seit 2019 mehr als 90 Prozent seines Wertes verloren. Die Preise für Fleisch, Obst und Gemüse steigen von Tag zu Tag. Strom, Treibstoff und Medikamente sind längst Mangelware.

Fahrzeuge und Motorräder stehen Schlange, um an einer Tankstelle Kraftstoff zu bekommen, da Vorräte in Beirut, Libanon, rationiert werden. | EPA

Tankstelle in Beirut: Stundenlanges Anstehen für ein ein paar Liter Benzin Bild: EPA

Es bleibt dunkel in Beirut

Nachts bleibt es selbst in der Hauptstadt dunkel, weil der Staat die Stromerzeuger nicht mehr bezahlen kann. Vor den Tankstellen bilden sich lange Schlangen; stundenlang warten Autofahrer darauf, wenigstens ein paar Liter Benzin zu ergattern. Vor einer geschlossenen Tankstelle hat ein Libanese sein Keyboard aufgebaut. "Füllt mir den Tank ein wenig", singt er. "Ich will zum Bäcker fahren, meine Kinder sind hungrig".

Nicht immer geht es so kreativ und friedlich zu. In den vergangenen Tagen und Wochen kam es immer wieder zu Handgreiflichkeiten und Schusswechseln vor den Tankstellen, weil die Nachfrage nach Treibstoff weitaus größer ist als das Angebot.

In der Stadt Sidon etwa eine Stunde südlich von Beirut schiebt Ladenbesitzer Khalil Akhdar einen kleinen Schein über den Tresen. Die ältere Frau, die vor seiner Kasse steht, hat kein Geld, um Mandeln, Nüsse oder getrocknete Aprikosen zu kaufen. Der Händler erkennt die Not der Frau, obwohl er selbst kaum noch etwas verdient.

Ich kann mich noch gut an den Bürgerkrieg erinnern, der 1975 begann. Selbst damals hatten wir keine so großen wirtschaftlichen Probleme wie heute. Auch damals gab es Inflation, aber man konnte zur Bank gehen und Geld abheben. Es gab viel Bargeld. Jetzt gibt es keins mehr. Hier stimmt doch etwas nicht. Jemand scheint uns allen im Weg zu stehen.

Parteien blockieren sich gegenseitig

Tatsächlich blockieren sich die Parteien im libanesischen Parlament gegenseitig, weil sie fürchten, ihre Privilegien zu verlieren. Die politischen Spitzenposten werden unter den wichtigsten Religionsgruppen aufgeteilt. So soll der Präsident immer ein Christ, der Regierungschef ein Sunnit und der Parlamentspräsident ein Schiit sein. Das Problem: Die politische Elite schachert sich mit Hilfe dieses Systems gegenseitig die Posten zu und bereichert sich auf Kosten der Bevölkerung.

Der Händler aus Sidon sagt dazu: Alles bleibe, wie es ist. Nur die Personen würden ausgewechselt. "Wenn Hassan geht, kommt sein Bruder Hussein. Oder es kommen Ali, Mohamed, Omar oder Boutrous - immer die gleichen. Wenn einer geht, holt er seinen Bruder oder seinen Cousin.“

Auf dem kleinen Markt gegenüber des Geschäfts von Khalil Akhdar verkauft ein junger Mann Obst und Gemüse. Früher, sagt Akram, der seinen vollständigen Namen nicht nennen will, kostete ein Kilo Wassermelone 500 libanesische Pfund. Mittlerweile ist der Preis sechsmal so hoch.

"Wir warten darauf, dass Gott uns hilft"

"Wir arbeiten tagein, tagaus, um unser Essen zu verdienen. Wenn man am Tag 100.000 libanesische Pfund verdient, sind das am Ende nur fünf oder sechs Dollar", sagt Akram. Aber wenn man Ausgaben von 20 oder 30 Dollar pro Tag habe, dann müsse man viel mehr verdienen, um über die Runden zu kommen. Zurzeit seien die Ausgaben höher als das, als wir verdienen. "Wir warten darauf, dass Gott uns hilft", so Akram.

Auf die Regierung vertraut kaum noch jemand

Auf die libanesische Regierung, die nur noch geschäftsführend im Amt ist, vertraut kaum noch einer. Und Länder wie Frankreich, die helfen könnten, wollen kein Geld überweisen, so lange es keine Garantien für Reformen gibt. Viele Libanesen hoffen auf einen Neuanfang, auf die junge Generation, die sich um das Land sorgt und nicht nur um ihre eigenen Interessen.

Doch die politische Elite sitzt fest im Sattel. Wie Nabih Berri, der Vorsitzende der schiitischen Amal-Bewegung. Seit fast drei Jahrzehnten ist er Parlamentspräsident.

Wenn es nach seinem Berater Ali Hamdan geht, kann das künftig auch so bleiben: "Entscheidend ist es jetzt, dass der Vorsitzende der Amal-Bewegung, Parlamentspräsident Nabih Berri, eine Initiative anführt, um ein neues Kabinett zu bilden", sagt er. Jeder wisse dass das jetzt notwendig sei. "Leider haben wir noch kein endgültiges Ergebnis erreicht, also noch kein Kabinett gebildet. Aber wir sind schon ein paar Schritte vorangekommen. Wir müssen uns beeilen - aber solche Anstrengungen dürfen auch nicht überstürzt werden."

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 22. Juni 2021 um 06:15 Uhr.