Ein medizinischer Mitarbeiter befestigt eine Sauerstoffflasche für einen COVID-19-Patienten in Neu-Delhi (Indien). | AP

Sauerstoff wird knapp Indische Krankenhäuser senden Hilferufe

Stand: 23.04.2021 16:29 Uhr

Die Lage in Indien spitzt sich weiter zu: Zum zweiten Mal in Folge melden die Behörden die meisten Neuinfektionen weltweit. Das Virus verbreitet sich immer schneller und den Krankenhäusern geht der Sauerstoff aus.

Angesichts der vielen Corona-Patienten haben indische Krankenhäuser Hilferufe wegen fehlenden Sauerstoffs zur künstlichen Beatmung gesendet. "SOS - weniger als eine Stunde Sauerstoffvorräte übrig im Max Smart Hospital und Max Hospital Saket", schrieb eine der größten Ketten von Privatkrankenhäusern auf Twitter. "Mehr als 700 Patienten aufgenommen, brauchen sofortige Hilfe."

Die Nachrichtenagentur PTI meldete, im Sir-Ganga-Ram-Krankenhaus in der Hauptstadt Neu-Delhi seien binnen 24 Stunden 25 an Covid-19 Erkrankte gestorben. Ursache könne sehr wohl geringer Sauerstoffdruck gewesen sein, sagte ein Mitarbeiter demnach. Krankenhaussprecher Ajoy Sehgal wollte sich nicht dazu äußern, ob die Patienten gestorben sind, weil es an Sauerstoff fehlte. Ein Tankwagen mit Sauerstoff sei eingetroffen, was die Lage erst einmal entspanne, sagte er.

Die Behörden meldeten weitere 330.000 Neuinfektionen binnen 24 Stunden - zweimal in Folge ein Höchstwert bei den Tages-Infektionswerten. Indien erlebt derzeit eine neue Corona-Welle, allein in diesem Monat wurden bereits mehr als vier Millionen Neuinfektionen registriert. 

Es fehlt an Sauerstoff, Medikamenten, Betten

Das ohnehin seit Jahrzehnten unterfinanzierte Gesundheitssystem ist von der hohen Zahl an Corona-Patienten überfordert, es fehlt an Sauerstoff, Medikamenten und Betten. Vor wenigen Tagen starben 22 Covid-19-Patienten im Bundesstaat Maharashtra, als die Sauerstoffzufuhr ihrer Beatmungsgeräte wegen eines Lecks abbrach.

In Neu-Delhi ging in der Nacht zu Freitag in mindestens sechs Krankenhäusern der Sauerstoff zur Neige, bevor am Morgen neue Lieferungen eintrafen. Die Fahrer von Sauerstoff-Tankfahrzeugen machen Überstunden, um alle Kliniken zu versorgen. Auch Frachtflugzeuge zum Sauerstofftransport sind im Einsatz, am Donnerstag startete ein erster "Sauerstoffexpress"-Zug mit Tanks an Bord.

Doppelte Mutation und Massenveranstaltungen

Für den zuletzt massiven Anstieg der Infektionszahlen werden eine doppelte Mutation des Coronavirus sowie religiöse, politische und sportliche Massenveranstaltungen verantwortlich gemacht. In der Hoffnung, in der Corona-Krise sei das Schlimmste vorbei, hatten die indischen Behörden Anfang des Jahres die meisten Auflagen gelockert und Veranstaltungen von riesigen Hochzeitsfeiern über Cricketspiele bis zu religiösen Versammlungen wieder erlaubt. 

Bei der Kumbh Mela, einer der größten religiösen Feiern der Welt, drängten sich zwischen Januar und dieser Woche geschätzt 25 Millionen Pilger dicht an dicht, viele ohne Maske. In vielen Bundesstaaten gab es zudem Wahlkampfveranstaltungen, darunter eine von Premierminister Modi in Kalkutta mit geschätzt 800.000 Teilnehmern. Mehrere Bundesstaaten haben die Corona-Vorschriften inzwischen wieder verschärft. 

Premierminister hält Krisensitzungen ab

Premierminister Narendra Modi hielt eine Reihe von Krisensitzungen zum Thema Sauerstoffvorräte und Versorgung mit dringend benötigten Medikamenten ab.

Das Oberste Gericht hat die indische Bundesregierung aufgefordert, einen Nationalplan aufzustellen, wie Corona-Patienten mit Sauerstoff und lebenswichtigen Medikamenten versorgt werden sollen.

Derweil kommt es in den Krankenhäusern immer wieder zu verheerenden Bränden, zum Teil möglicherweise ausgelöst durch explodierende Sauerstofftanks. Beim jüngsten derartigen Unglück starben am Freitag 13 Covid-19-Patienten bei einem Brand auf der Intensivstation eines Krankenhauses nahe Mumbai. Vier weitere Patienten der Station überlebten.

Angesichts der hohen Zahl an Corona-Neuinfektionen und der Ausbreitung von Virus-Varianten stufte die Bundesregierung das Land als Hochinzidenzgebiet ein. Mit der Einstufung ist keine Verschärfung der Einreisebestimmungen verbunden. Die hätte es nur gegeben, wenn das Land zum Virusvariantengebiet erklärt worden wäre - was einige Beobachter erwartet hatten.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 23. April 2021 um 01:42 Uhr.