Aung San Suu Kyi | HEIN HTET/EPA-EFE/Shutterstock
Kommentar

Verhaftung von Aung San Suu Kyi Der Handlangerin entledigt

Stand: 01.02.2021 10:28 Uhr

Einst gefeiert für ihren Kampf gegen die Unterdrückung, hat sich Myanmars Regierungschefin Aung San Suu Kyi mit der Armee gemein gemacht. Nun wurde sie vom Militär verhaftet. Eine moralische Bankrotterklärung.

Ein Kommentar von Holger Senzel, ARD-Studio Singapur

Von der Ikone der Demokratie zur tragischen Figur - das ist die Geschichte der Aung San Suu Kyi, die jetzt in diesem Militärputsch ihren vorläufigen Tiefpunkt findet. Einst wurde sie gefeiert für ihren Kampf gegen die Unterdrückung. 15 Jahre lang saß sie während der Militärdiktatur in Hausarrest, sie erhielt den Friedensnobelpreis, eine Freiheitskämpferin. Als die Junta schließlich in Myanmar einer zerbrechlichen Demokratie wich, da spielte sie endlich eine wichtige Rolle in der Politik. Von ihren Landsleuten geliebt, als Mutter Suu gefeiert.

Holger Senzel ARD-Studio Singapur

Dass sie sich lächelnd gemeinsam mit jenen Generälen zeigte, die sie einst gedemütigt und eingesperrt hatten - das irritierte. Aber nun, die Militärs hatten immer noch viel Macht, Aung San Suu Kyi musste sich mit ihnen irgendwie arrangieren, wollte sie nicht scheitern - Realpolitik eben. Als dann die Armee im Rakhine-Staat brutal gegen die muslimische Minderheit der Rohinya vorging, da schwieg sie. Eine Million Rohingya flohen vor Pogromen, Folter, Mord und Vergewaltigung nach Bangladesh, ihre Dörfer waren niedergebrannt und ihr Vieh abgeschlachtet worden - und die Ikone der Demokratie schwieg immer noch.

Aung San Suu Kyi hat ihren Ruf verspielt

Als die UN von  "ethnischen Säuberungen" und "Völkermord" sprach, wies Aung San Suu Kyi das zurück: Kein Genozid, sondern Selbstverteidigung gegen bewaffnete Rebellen. Das war dann schon keine Realpolitik mehr, das war eine moralische Bankrotterklärung. Sie hatte sich gemein gemacht mit jenen, die Menschenrecht  brechen und Demokratie verachten.  Die einst auch im Westen gefeierte Freiheitskämpferin hatte ihren internationalen Ruf verspielt.

Es ist müßig, über ihre Motive zu spekulieren. Ob sie sich von Amt und Macht hat korrumpieren lassen oder glaubte, keine Wahl zu haben. Müßig auch, sich zu fragen, wie die Geschichte wohl verlaufen wäre, hätte Aung San Suu Kyi den Generälen mehr Widerstand entgegengesetzt, Kante gezeigt. Vielleicht hätte die Armee schon viel früher geputscht und sie arrestiert. Auf jeden Fall aber hätten die Generäle gewusst, dass sie es mit einer starken Gegnerin zu tun haben, hätten einen internationalen Aufschrei, die Solidarität des Westens mit einer mutigen, starken Frau befürchten müssen.

Aung San Suu Kyi hat sich selbst verzwergt

Die Geschichte der Staatsrätin ist ein Lehrstück darüber, dass auch in der Politik der Zweck nicht immer die Mittel heiligt. Indem sie sich der Armee als demokratisches Feigenblatt andiente, hat sie auch das eigene Volk betrogen. Das hat ihr bei den letzten Wahlen einen furiosen Erdrutschsieg beschert - doch genutzt hat es ihr am Ende nichts: Die Armee hat sich ihrer willfährigen Handlangerin entledigt. Aung San Suu Kyi hat sich selbst verzwergt.


Redaktioneller Hinweis

Kommentare geben grundsätzlich die Meinung des jeweiligen Autors oder der jeweiligen Autorin wider und nicht die der Redaktion.

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 01. Februar 2021 um 02:00 Uhr.