Sicherheitspersonal an einen Armeestützpunkt am Rande der Provinz Ghazni der Ziel eines Selbstmord-Autobombers geworden ist, Afghanistan. | AFP

Friedensprozess in Afghanistan "Der Islam muss über allem stehen"

Stand: 09.12.2020 10:50 Uhr

In Doha sollen heute Gespräche über konkrete Fragen bezüglich der Zukunft Afghanistans geführt werden. Die Positionen zwischen Taliban und Regierung liegen allerdings weit auseinander.

Bernd Musch-Borowska ARD-Studio Neu-Delhi

Von Bernd Musch-Borowska, ARD-Studio Südasien, z. Zt. in Hamburg

Ein Waffenstillstand, der Schutz der geltenden Verfassung der Islamischen Republik Afghanistan und die Aufrechterhaltung der staatlichen Institutionen wie Polizei und Militär: Diese und rund zwei Dutzend andere Punkte stehen nach Informationen des Fernsehsenders TOLO News auf der Liste der afghanischen Regierungsdelegation in Doha für die Gespräche mit den Taliban.

Die Taliban wiederum wollten bei dem für heute angesetzten Verhandlungstermin unter anderem über die religiöse Grundordnung Afghanistans reden. Außerdem steht für sie das Bildungssystem auf der Tagesordnung, das ganz nach islamischen Werten ausgerichtet werden soll.

Der Islam müsse künftig über allem stehen in Afghanistan, sagte Taliban-Sprecher Zabihullah Mudschahid dem afghanischen Fernsehsender Shamshad TV. Westliche Begriffe wie Republik hätten keinen Platz in der kulturellen Tradition des Landes. "Einige Dinge wurden uns aufgedrückt, durch die jahrelange Besatzung. Die gab es in unserer islamischen Kultur und Terminologie überhaupt nicht und die brauchen wir auch nicht. Die wurden mit B-52-Bombern über uns gebracht und die müssen wir ändern." Dafür sei der innerafghanische Dialog da. "Nur ein System, das auf islamischen Werten aufgebaut ist, kann die Wunden in unserem Land heilen."

Vertreter der afghanischen Regierung und der radikalislamischen Taliban bei Friedensgesprächen am 15. September 2020 in Doha | AFP

Vertreter der afghanischen Regierung und der radikalislamischen Taliban bei Friedensgesprächen am 15. September 2020 in Doha. Heute tagen sie erneut. Bild: AFP

Entweder Truppenabzug oder "totaler Krieg"

Einen Waffenstillstand, den die afghanische Regierung seit langem als Vorbedingung für glaubwürdige Verhandlungen in Doha genannt hat, wird es mit den Taliban wohl nicht geben. Ein Waffenstillstand könne logischerweise erst am Ende der Verhandlungen zustande kommen, so Zabihullah Mudschahid: "Wir führen ja nicht Krieg um des Krieges Willen, sondern um unser Ziel zu erreichen. Es hat einen Grund für den Krieg gegeben, und solange der Grund nicht beseitigt ist, kann auch der Krieg nicht beendet werden."

Wichtigste Voraussetzung für Frieden in Afghanistan sei nach wie vor der vollständige Abzug der ausländischen Truppen, die von den Taliban als Invasoren und Besatzer angesehen werden. Es wäre ein Fehler, so Zabihullah Mudschahid, wenn die Amerikaner, wie angekündigt, noch 2500 Soldaten im Land ließen. In der Vereinbarung von Doha im Februar hätten die USA einen Zeitrahmen von 14 Monaten für den Abzug aller Truppen genannt.

"Solange noch fremde Soldaten im Land sind, werden auch die Kämpfe weitergehen. Die werden doch nicht so unvorsichtig sein. Denn dann könnte der Krieg wieder losgehen, und das wäre ein totaler Krieg. Die Amerikaner wären dann noch verwundbarer. Und ihre Soldaten sind ihnen sehr wichtig. Ich glaube nicht, dass sie dieses Risiko eingehen."

Taliban sollen in die Regierung

Trotz der sehr unterschiedlichen Vorstellungen beider Seiten über die Zukunft Afghanistans sollen die Taliban an der Regierung beteiligt werden, sagte der Nationale Sicherheitsberater Hamdullah Mohib bei einer Konferenz in Bahrain. Ihm zufolge verhandelt die Regierung mit den Taliban über eine Lösung, bei der die Taliban in die Regierung integriert werden können. "Damit alle gesellschaftlichen Gruppen Afghanistans berücksichtigt und in dem System, das geschaffen wird, vertreten sind."

Die afghanische Regierung hatte zahlreiche Zugeständnisse gemacht, damit der innerafghanische Dialog überhaupt zustande kommen konnte. Es seien mehr als 5.000 Taliban aus afghanischer Haft entlassen worden, um den Friedensprozess zu beschleunigen, sagte der Sprecher des nationalen Sicherheitsrates Rahmatullah Andar in einem Videostatement. Die Taliban hingegen hätten in keinem der geforderten Punkte Entgegenkommen gezeigt. So habe die Gewalt nicht ab-, sondern eher zugenommen und die freigelassenen Taliban seien, entgegen aller Zusagen, wieder aufs Schlachtfeld zurückgekehrt.

Dieser Beitrag lief am 09. Dezember 2020 um 10:50 Uhr auf B5 aktuell.