Arbeiter verlegen Rasen im Lusail-Stadion von Katar | REUTERS

Ein Jahr vor der Fußball-WM Katars ungelöste Probleme

Stand: 21.11.2021 07:21 Uhr

In einem Jahr wird in Katar die Fußball-WM eröffnet. Die Bedingungen für Arbeiter haben sich zwar minimal verbessert - aber zwischen ihnen und dem Leben reicher Kataris liegen Welten.

Von Udo Schmidt, ARD-Studio Kairo

Ein angenehmer Nachmittag in Katar: Junge, reiche Kataris vergnügen sich bei einem Besuch bei einem Verwandten; junge Männer, Teil der 300.000 Menschen in Katar, die den Wohlstand in vollen Zügen genießen können. Sie freuen sich auf die Fußball-WM und haben auch allen Grund dazu: Sie werden im grandiosen Lusail-Stadion sitzen - mit 80.000 Plätzen das größte von insgesamt acht Fußballstadien, die Katar aus dem Wüstenboden stampft und deren Fertigstellung voll im Zeitplan liegt, wie Projektmanager Tamin el-Abed stolz bekanntgibt. Katar habe wirklich Maßstäbe gesetzt, was die Vorbereitung angeht, sagt el-Abed.

Udo Schmidt
Vor dem Lusail-Stadion in Katar steht ein Lkw. | REUTERS

In dem Lusail-Stadion findet am 18. Dezember 2022 das Endspiel der Fußball-WM statt. Bild: REUTERS

Fortschritte ins Stocken geraten

Denen, die diese Maßstäbe setzen, die den Zeitplan mit Leben und Arbeit füllen, geht es weniger gut: Nach Einschätzung von Amnesty International hat es zwar bis 2020 eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen gegeben. Es gibt einen Mindestlohn von umgerechnet 230 Euro, nur noch sechs Tage harte Arbeit von täglich acht bis zehn Stunden. Aber inzwischen gebe es keine Fortschritte mehr.

Manche Reformen seien sogar zurückgenommen worden, kritisiert Amnesty International in einem gerade veröffentlichten Bericht. Jetzt sei der echte politische Wille der katarischen Regierung notwendig, um die angestoßenen Reformen konsequent umzusetzen.

Viele Misstände nicht überwunden

Auch Hiba Zayadin von Human Rights Watch kennt die schlechten Bedingungen für die Arbeitsmigranten genau: "Sie werden immer noch ausgebeutet", sagt sie. "Es werden Löhne nicht ausgezahlt, zumindest kommt das Geld zu spät. Es gibt Probleme mit eingezogenen Pässen."

Die Unterbringung der Arbeiter ist zwar kostenlos, aber kärglich. Geschlafen wird auf einem Bett hinter einem Vorhang. Mehr Privatsphäre ist nicht drin.

Arbeiter stehen im Jahr 2019 vor dem Bau des Lusail-Stadions in Katar | REUTERS

Ohne ausländische Arbeiter wäre der Bau der WM-Stadien in Katar nicht möglich gewesen - doch die Arbeitsbedingungen wurden immer wieder scharf kritisiert. Bild: REUTERS

Kafala-System bleibt bestehen

Das Kafala-System, das die Arbeiter zu einer Art Leibeigenen der Unternehmer macht, ist immer noch nicht vollkommen abgeschafft. Immer noch verhindern Arbeitgeber die Ausreise ihrer Arbeiter oder deren Wechsel in einen anderen Job.

Wer Arbeit im kleinen reichen Wüstenstaat gefunden hat, kritisiert diese Lebens- und Arbeitsbedingungen jedoch nur vorsichtig oder besser gar nicht. Interviews des ARD-Studios Kairo finden im Beisein des Chefs statt. Kritik ist dann natürlich kaum zu erwarten. Gibt es Beschwerden wegen des Lohns? "Nein", antwortet Babul Mondal, ein junger Mann mit Helm und in Sicherheitsweste, und lächelt. Er ist immerhin der gewählte Arbeitnehmervertreter. Verlangt jemand mehr Geld? "Nein."

Proteste zeichnen ein anderes Bild

Vor einigen Monaten war das noch anders: Da protestierten Hunderte Arbeiter vor allem aus Nepal in Katars Hauptstadt Doha und verlangten die Auszahlung ausstehender Löhne.

"Wir streiken", rief damals ein Arbeiter, der auf einem Handyvideo zu sehen ist. "Wir haben seit Monaten kein Geld bekommen, keinen einzigen freien Tag. Das Trinkwasser ist ungenießbar."

Die jungen, reichen Kataris sitzen inzwischen in einem Wohnzimmer in der Madschlis, der Ecke nur für Männer; Sie trinken Tee und genießen süße Nachspeisen. Die Gespräche drehen sich um eine Japanreise und die Wanderungen, die man dort unternehmen kann.

Ein Jahr vor der Austragung der Fußball-WM könnten die unterschiedlichen Welten in dem kleinen Wüstenstaat Katar kaum weiter auseinanderliegen.

Über dieses Thema berichtete MDR Aktuell am 20. November 2021 um 11:36 Uhr.