Mohammed bin Abdulrahman bin Jassim Al Thani | rbb/Kontraste

Vor Start der Fußball-WM Katar wirft Deutschland Doppelmoral vor

Stand: 07.11.2022 12:25 Uhr

Das Emirat Katar reagiert verärgert auf Kritik der Bundesregierung. Der Unmut geht auf Äußerungen von Bundesinnenministerin Faeser in Bezug auf die LGBTQ-Community zurück. Faeser hatte Sicherheitsgarantien gefordert.

Zwei Wochen vor Beginn der Fußball-Weltmeisterschaft in Katar hat sich die Regierung in Doha verärgert über Kritik aus der Bundesregierung gezeigt. In der "Frankfurter Allgemeinen" warf Außenminister Mohammed bin Abdulrahman Al-Thani Berlin "Doppelmoral" vor.

Einerseits werde "die deutsche Bevölkerung durch Regierungspolitiker falsch informiert". Andererseits habe die Regierung kein Problem mit Katar, wenn es um Energiepartnerschaften oder die Rettung deutscher Staatsbürger aus Afghanistan gehe. "Wenn wir eine Fußball-Weltmeisterschaft ausrichten, diesen Moment genießen und zusammen mit der deutschen Mannschaft feiern wollen, dann gelten auf einmal andere Maßstäbe", sagte der Außenminister des Golfstaats. 

Unmut wegen Äußerungen zur LGBTQ-Community

Der Unmut in Doha hatte sich an Äußerungen von Innenministerin Nancy Faeser entzündet. Die SPD-Politikerin hatte vom WM-Gastgeber unter anderem Sicherheitsgarantien für die LGBTQ-Community verlangt. "Bei allem Respekt, diese waren überhaupt nicht notwendig", sagte al-Thani über Faesers Aussagen. "Wir haben immer wieder von höchster Stelle wiederholt, dass jeder willkommen ist und niemand diskriminiert wird."

Die englische Abkürzung LGBTQ steht für lesbisch, schwul, bisexuell, transgender und queer. In Katar ist Homosexualität strafbar. Es sei "bedauerlich, wenn Politiker versuchen, sich nach innen auf unsere Kosten zu profilieren und Punkte zu machen", sagte al-Thani.

Nancy Faeser steht vor der Skyline in Doha | dpa

Nancy Faeser Faeser kündigte an, zum Eröffnungsspiel der deutschen Nationalmannschaft wieder nach Katar zu reisen. Bild: dpa

Kritik auch am Umgang mit Arbeitern

Die WM in dem Emirat steht wegen Menschenrechtsverstößen und des Umgangs mit Arbeiterinnen und Arbeitern aus anderen Ländern schon lange in der Kritik. Außenminister Al Thani beteuerte, Katars Regierung habe eine Reihe von Reformen in Gang gesetzt, auch beim Arbeitsrecht.

"Das ist ein fortlaufender Prozess, der nie aufhört - und der auch nach der WM nicht aufhören wird", sagte er. Es sei aber unfair, immer auf Katars Regierung zu zeigen. "Wenn es in einem europäischen Land ein Problem gibt, etwa mit der Sicherheit am Arbeitsplatz, dann stehen die Unternehmen in der Kritik", sagte Al Thani.

Die Unternehmen, darunter auch europäische, seien in Katar in der Pflicht, die neuen Regeln und Standards umzusetzen. "Wenn sich die Unternehmen trotzdem nicht daran halten, ist das nicht die Schuld der Regierung", betonte der Außenminister. 

Katar spricht von arroganter und rassistischer Kritik

Die Kritik aus Europa an der Lage in Katar bezeichnete er als "sehr arrogant und sehr rassistisch". Dennoch sei die Vergabe der WM für sein Land "ein Segen", sagte Al Thani. "Wir sind sehr stolz darauf, und wir sind sehr zuversichtlich, dass diese Weltmeisterschaft eine der besten sein wird, die Sie je gesehen haben."

Wegen kritischer Äußerungen Faesers zur Menschenrechtslage in dem Emirat hatte Katar Ende Oktober nach Angaben des Außenministeriums in Doha den deutschen Botschafter einbestellt.

Zehn Verbände um DFB reagieren auf FIFA-Brief

Zuletzt hatte sich auch der Fußball-Weltverband FIFA in einem Brief an die 32 Teilnehmer der Weltmeisterschaft gewandt und dafür plädiert, dass der Fußball und nicht politische Debatten im Mittelpunkt des Turniers stehen soll. "Lassen Sie bitte nicht zu, dass der Fußball in jeden ideologischen oder politischen Kampf hineingezogen wird, den es gibt", heißt es in dem Schreiben.

Die Antwort, auch aus Deutschland, ließ nicht lange auf sich warten. Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) veröffentlichte ein Statement, das zuvor mit neun weiteren europäischen Verbänden abgestimmt worden war. Darin hieß es: "Wir werden weiterhin Impulse für positiven, progressiven Wandel unterstützen und uns weiter für ein überzeugendes Ergebnis hinsichtlich der zwei entscheidenden und offenen Themen einsetzen und engagieren, über die wir seit langer Zeit mit der FIFA diskutieren."

Neben Deutschland waren an der Antwort, in der deutliche Kritik an der FIFA und dem viel diskutierten Brief ausblieb, auch die Verbände aus Belgien, Dänemark, England, Norwegen, Portugal, Schweden, Wales, der Schweiz und den Niederlanden beteiligt. Konkret gehe es bei den zwei Themen um einen Entschädigungsfonds für Gastarbeiter sowie das Konzept eines in Doha zu errichtenden Gastarbeiter-Zentrums.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 07. November 2022 um 06:00 Uhr.