Blick auf Doha, die Hauptstadt von Katar (Archivbild) | dpa
Hintergrund

Enge Beziehungen zu Taliban Welche Rolle spielt Katar in Afghanistan?

Stand: 10.09.2021 18:27 Uhr

Katar pflegt enge Beziehungen zu den Taliban, redet aber auch mit ihren Gegnern. Der kleine Wüstenstaat ist in der Afghanistan-Krise ein wichtiger Akteur geworden - das hat mehrere Gründe.

Von Jürgen Stryjak, ARD-Studio Kairo

"Wir möchten gute Beziehungen zu unseren Nachbarn, zu den Ländern in der Region und in der Welt", erklärte jüngst Taliban-Sprecher Suhail Shaheen. "Afghanistan braucht die Kooperation." Allerdings gibt es bereits ein Land, zu dem die Taliban enge Kontakte pflegen - zu Katar, jenem kleinen, reichen Golfemirat, das auch der Gastgeber der Fußballweltmeisterschaft im kommenden Jahr sein wird.

Jürgen Stryjak ARD-Studio Kairo

Taliban-Funktionäre zeitweise in Katar im Exil

Bereits 2013 durften die Taliban in einer Villa in der Hauptstadt Doha ein politisches Büro eröffnen. Zeitweise sollen sich rund 100 Taliban-Funktionäre in Katar im Exil aufgehalten haben. Das Büro wurde zum großen Propagandaerfolg für die afghanischen Islamisten - das Golfemirat hatte ihnen eine einzigartige internationale Bühne geboten.

In diesem Büro habe die Welt die Taliban-Vertreter zum ersten Mal bei Verhandlungen erleben können, sagte der katarische Politikexperte Ashraf Siddiqi, und die seien dann so ganz anders gewesen als erwartet, nämlich durchaus höflich und gebildet.

Kooperation auch mit den USA

Doch das katarische Herrscherhaus kooperiert nicht nur mit den Taliban, sondern auch mit ihren Gegnern. Die USA zum Beispiel dürfen in dem Emirat ihre größte Militärbasis in der Region betreiben. Mit viel Engagement hat Katar jetzt auch dabei geholfen, Afghanen, die vor den Taliban flohen, außer Landes zu bringen.

Einer Sprecherin des katarischen Außenministeriums zufolge sollen in den vergangenen Wochen rund 60.000 Menschen aus Afghanistan das Drehkreuz Katar auf dem Weg in die Sicherheit passiert haben.

Katar hat Techniker nach Kabul geschickt, die dabei halfen, den zivilen Flughafen in der afghanischen Hauptstadt wieder in Betrieb zu nehmen, und es unterstützt auch weiterhin Evakuierungsaktionen. Nach der erneuten Inbetriebnahme des Airports startete am Donnerstag der erste zivile Flug in Kabul. Es handelte sich um eine Passagiermaschine der Qatar Airways, die mit rund einhundert Menschen an Bord Richtung Doha flog, darunter 15 deutsche Staatsangehörige.  

Katar erkannte erste Taliban-Herrschaft nicht an

Das 2013 in Doha eröffnete Taliban-Büro zeugt nicht automatisch von großer Sympathie des katarischen Herrscherhauses für die afghanischen Islamisten. Die Taliban durften das Büro weder "Vertretung des Islamischen Emirats Afghanistan" nennen, noch ihre Flagge dort hissen. Katar hatte auch die erste Taliban-Herrschaft in Afghanistan von 1996 bis 2001 nicht anerkannt.

Das Büro war in Absprache mit den USA entstanden. 2012 berichtete die "New York Times", dass Vertreter der US-Regierung die geplante Büroeröffnung als "wichtigsten einzelnen Schritt" bei den Friedensbemühungen für Afghanistan begrüßten.

Katar sieht sich als Vermittler

Katar hat enge Beziehungen zu islamistischen Bewegungen wie der Hamas und unterstützte bis 2013 die Regierung der Muslimbruderschaft in Ägypten. Gleichzeitig wurde in dem Emirat bereits vor einem Vierteljahrhundert, als dies in der arabischen Welt noch völlig unpopulär war, eine israelische Handelsvertretung eröffnet.

Katar sieht sich selbst als Vermittler und will mit allen reden. Auch westliche Regierungen wissen das zu schätzen. Für den winzigen Wüstenstaat ist diese Vermittlerrolle eine Art Lebensversicherung.

Wüstenstaat in einer Unruheregion

Es ist ein Ansatz, den Katar nach Ansicht von Golfstaaten-Experte Michael Stephens verfolgt, seit Saddam Hussain 1990 Kuwait überfiel. Damals habe man in Doha verstanden, sagte Stephens 2014 gegenüber dem ARD-Studio Kairo, wie unsicher es für einen kleinen Staat in einer Unruheregion ist. Nur weil man sich still verhalte, sei man nicht unbedingt sicher. Das habe Katar zu der neuen Politik inspiriert, mit der man das Land international ins Gespräch bringen möchte, so Stephens.

Mäßigender Einfluss auf die Taliban?

Manche Beobachter hoffen sogar darauf, dass Katar einen mäßigenden Einfluss auf die Taliban ausübt. So hat der katarische Außenminister Mohammed bin Abdulrahman Al Thani die Taliban Anfang September dazu aufgefordert, die Rechte der Frauen zu respektieren, "ohne das bisher Erreichte rückgängig zu machen".

Bislang weist jedoch nichts darauf hin, dass Forderungen dieser Art die Taliban tatsächlich beeinflussen würden.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 01. September 2021 um 06:17 Uhr.

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Moderation 10.09.2021 • 21:51 Uhr

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