Bei Protesten in Kasachstan laufen Menschen eine Straße entlang. | EPA

Kasachstans Führung zu Unruhen "Versuch eines Staatsstreichs"

Stand: 10.01.2022 10:25 Uhr

Fast 8000 Menschen sind nach den gewaltsamen Protesten in Kasachstan laut Behörden festgenommen worden. Die Zahl der Todesopfer ist weiter unklar. Präsident Tokajew sprach von einem "versuchten Staatsstreich".

Nach den gewaltsamen Protesten in Kasachstan sind nach Angaben der Behörden fast 8000 Menschen festgenommen worden. Insgesamt seien 7939 Menschen festgenommen worden, teilte das Innenministerium auf seiner Webseite mit. Allein auf zwei Märkten in der von den Unruhen besonders betroffenen Millionenstadt Almaty im Südosten des Landes seien auf zwei Märkten 207 Personen festgenommen worden. Unter den Inhaftierten befinden sich auch hochrangige Beamte wie der ehemalige Geheimdienstchef, Karim Massimow. Dem langjährigen Vertrauten des früheren Präsidenten Nasarbajew wird Hochverrat vorgeworfen.

Kassym-Schomart Tokajew, Präsident von Kasachstan, nimmt an einer Sitzung des Sicherheitsrates teil. | dpa

Der kasachische Präsident Tokajew macht eine "Gruppe bewaffneter Kämpfer" für die Proteste verantwortlich. Bild: dpa

Tokajew beschuldigt Demonstranten

Präsident Kassym-Schomart Tokajew erhob Vorwürfe gegen die Demonstranten. "Gruppen bewaffneter Kämpfer", die auf den richtigen Moment gewartet hätten, seien "in Aktion getreten", sagte der Präsident bei einer Videokonferenz der Organisation des Vertrages über kollektive Sicherheit (OVKS). Das "Hauptziel" sei deutlich geworden, "es handelte sich um den Versuch eines Staatsstreichs", sagte Tokajew.

Russlands Präsident Putin erklärte, Kasachstan sei das Ziel von "internationalem Terrorismus" geworden. Die Lage sei nicht durch spontane Protestaktionen wegen der Treibstoffpreise verursacht worden, "sondern dadurch, dass zerstörerische Kräfte von außen die Situation ausgenutzt haben". Russland werde keine "Revolutionen" in den Staaten der ehemaligen Sowjetunion zulassen.

"Ordnung wieder hergestellt"

Die OVKS, ein von Russland geführtes Militärbündnis, hatte auf Bitten des kasachischen Präsidenten 2500 Soldaten nach Kasachstan entsandt. Die "Friedenstruppen" würden nur "für einen begrenzten Zeitraum" in dem zentralasiatischen Land bleiben, betonte Putin.

Tokajew erklärte, die Lage in seinem Land habe sich beruhigt. "In Kasachstan ist die vollständige Ordnung wieder hergestellt. Bedrohungen für die Sicherheit des Landes wurden abgewendet". Der sogenannte Anti-Terror-Einsatz der OVKS werde bald abgeschlossen.

Heute gilt in der Ex-Sowjetrepublik eine landesweite Staatstrauer. Alle Flaggen wurden laut der Staatsagentur Kazinform auf halbmast gesetzt. Präsident Tokajew hatte per Verordnung angewiesen, so der "vielen Opfer der tragischen Ereignisse in einigen Landesteilen" zu gedenken.

Zahl der Todesopfer unklar

Die Zahl der Todesopfer ist unterdessen weiter unklar. Mehr als 160 Menschen seien bei den Unruhen bereits gestorben, hatte am Sonntag das kasachische Staatsfernsehen unter Berufung auf das Gesundheitsministerium berichtet. Mehr als 2000 seien verletzt worden. Diese Zahlen wurden am Sonntagabend von den Staatsmedien jedoch ohne Angaben von Gründen gelöscht.

Allein in der Metropole Almaty sollen nach offiziellen Angaben mehr als 100 Menschen ums Leben gekommen sein. Hier hatte es über Tage schwere Ausschreitungen gegeben. Verwaltungsgebäude wurden in Brand gesetzt, Geschäfte geplündert, Autos angezündet.

Immer wieder, so berichteten Augenzeugen, habe es Schusswechsel und Explosionen gegeben. Doch inzwischen habe sich die Lage beruhigt, erzählt eine Anwohnerin per Videoschalte: "Die Hälfte der großen Supermärkte hat wieder geöffnet. In meinem Bezirk gehen die Leute auch wieder raus. Die Bankautomaten funktionieren. Heute wurde der Müll abgeholt. Die Busse sollen ab morgen oder übermorgen wieder fahren. Langsam normalisiert es sich."

"Das waren nicht dieselben Leute"

Viele Menschen in Almaty fragen sich, wie aus den friedlichen Demonstrationen, so blutige Ausschreitungen werden konnten: "Die Leute, die auf dem Platz protestiert haben und die Plünderer, das waren nicht dieselben Leute", sagt die Anwohnerin. Wer aber die Plünderer, die Bewaffneten waren, woher sie kamen, das weiß auch sie nicht. Es sei schwer, sich ein Bild zu machen, sagt sie. Es seien viel zu viele Falschmeldungen im Umlauf.

Die Regierung versucht unterdessen, das Ausmaß der Schäden in Zahlen zu ermessen. Nach Angaben des designierten Innenministers Jerlan Turgunbajew wurden landesweit über 400 Fahrzeuge, darunter viele Einsatzwagen, zerstört.

"Die Plünderer haben über 100 große Handelseinrichtungen und Banken ausgeraubt. Nach vorläufigen Schätzungen beträgt der Schaden 87 Milliarden Tenge", so Turgunbajew. Umgerechnet sind allein das knapp 177 Millionen Euro.

Mit Informationen von Christina Nagel, ARD-Studio Moskau

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 09. Januar 2022 um 13:00 Uhr.

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KOMMENTARE

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SinnUndVerstand 10.01.2022 • 13:19 Uhr

@ 12:19 Uhr von frosthorn

Jetzt gehe ich aber mal stark davon aus, dass Ihr Kommentar ironisch gemeint war, oder? So wie ich Sie bisher hier 'kennengelernt' habe, sind Sie doch mitnichten blind gegen die deutlich sichtbaren politischen Interessen des kasachischen Autokraten Tokajew: generalisierter Schießbefehl, Absetzung politischer Konkurrenten und die Inhaftierung tausender Oppositioneller sprechen da doch eine klare Sprache. Wie gesagt: Ich gehe davon aus, Sie haben Ihren Kommentar ironisch gemeint...