Russische Flüchtlinge in einer Behörde in Almaty (Kasachstan) | REUTERS

Flüchtlinge in Kasachstan Aufnehmen, helfen, abgrenzen

Stand: 18.10.2022 18:59 Uhr

Als Russland die Ukraine angriff, kamen viele Soldaten aus armen Teilrepubliken wie Burjatien. Mittlerweile versuchen Menschen von dort verstärkt, nach Kasachstan zu fliehen - das Nachbarland will sich nicht von Russland vereinnahmen lassen.

Von Annette Kammerer, ARD-Studio Moskau, zzt. Berlin

Mit einem Video fing alles an. Als Russland Ende Februar in die Ukraine einmarschierte, sammelte Alexandra Garmaschapowa "Stimmen gegen den Krieg". Zu Wort kamen als erste ethnische Minderheit Russlands überhaupt: Burjaten. Also ausgerechnet die asiatischen Bürger Russlands, die unfreiwillig zum "Gesicht des Krieges" in der Ukraine wurden, diffamiert als "Kampf-Burjaten Putins".

Annette Kammerer ARD-Studio Moskau

Ihre Autonome Republik Burjatien, die als Verwaltungseinheit zum Vielvölkerstaat Russland gehört, liegt in der Nähe zur Mongolei. In dem größtenteils verarmten Landstrich am Baikalsee gebe es drei Möglichkeiten Geld zu verdienen, erklärt Garmaschapowa: Entweder man schufte also einige Wochen oder Monate am Stück im Norden Russlands im Bergbau, gehe als Arbeitsmigrant nach Südkorea oder aber verpflichte sich beim Militär.

Ein bislang lukrativer Job: Denn aufgrund der Nähe zur Mongolei und China gebe es in der Region viele Militärstützpunkte. Doch was früher "Papier hin und her schieben" bedeutet habe, sei Ende Februar plötzlich lebensbedrohlich geworden.

"Schwierig, sich mehr Rassismus als in Russland vorzustellen"

Hunderte Burjaten hätten sich nach dem Video mit Hilferufen an sie gewendet, erzählt die junge Frau. Militärangehörige und ihre Familien hätten gefragt, wie sie ihre Arbeitsverträge kündigen könnten. Wie sie "raus aus der Ukraine" kämen. Garmaschapowa und die anderen suchten juristischen Beistand und gründeten schließlich die "Free Buryatia Foundation".

Menschen aus Zentralasien gelten in Russland oft als Arbeitsmigranten zweiter Klasse. Etwas, das auch Burjaten zu spüren bekämen, erzählt Garmaschapowa. Sie erlebten in Russland Rassismus und Chauvinismus. Die Tatsache, dass Russland ein anderes Land von eben solchen Strukturen "befreien", also "entnazifizieren" wollte, habe viele Burjaten vor Empörung fast auseinandergerissen, so Garmaschapowa: Russland habe kein moralisches Recht dazu. Denn es sei schwierig, "sich ein höheres Maß an Rassismus und Intoleranz gegenüber anderen Völkern vorzustellen als in Russland", so die Aktivistin.

Von der Straße "weggefangen"

Als Wladimir Putin Mitte September die sogenannte Teilmobilmachung erklärte, war Garmaschapowa, die mittlerweile in Tschechien lebt, durch Zufall in Kasachstan. Wieder kamen Hunderte Anfragen von Burjaten. Sie hätten Angst gehabt, eingezogen zu werden und gefragt, wie sie raus aus Russland kämen. In Burjatien hätten die Behörden Menschen quasi von der Straße "weggefangen", erzählt Garmaschapowa.

Nachts seien Menschen von Lehrerinnen besucht worden, die ihnen Vorladungen zu Einberufungsstellen ausgehändigt hätten. Selbst der seit Jahren verstorbene Bruder einer Bekannten sei vorgeladen worden, "Studenten, Rentner, Väter mit vielen Kindern".

Wie üblich habe die Staatsführung gelogen, meint Garmaschapowa. Denn es sei vielerorts nicht, wie angekündigt, nur teilweise mobilisiert worden, sondern vollständig.

Viele blieben

Die "Free Buryatia Foundation" organisierte nach der Ankündigung Busse, die mittellose Burjaten über die Grenze in die Mongolei brachten. Anderen, die selbständig nach Kasachstan fliehen konnten, half Garmaschapowa beim Ankommen. Laut kasachischem Innenministerium kamen in den gut drei Wochen nach der Mobilmachung rund 200.000 Russen ins Land. Die meisten sind inzwischen zwar weitergezogen. Mindestens 70.000 Russen seien in Kasachstan nun aber neu registriert - mit eigener Steuernummer.

Wer mit ethnischen Kasachen spreche, meint Garmaschapowa, der treffe fast ausschließlich auf solche, die für die Ukraine seien: Kasachen fühlten sich der Ukraine sehr verbunden: "Beide Länder waren in der Sowjetunion, beide wurden damals herabgewürdigt, beide mussten eine Hungersnot erleiden." Es gäbe viele solcher Parallelen.

Zentralasiatische Staaten versus Russland?

Auch deshalb agierten die Staatschefs aus Zentralasien, allen voran Kasachstans Präsident Kassym-Dschomart Tokajew, überraschend unabhängig von Russland. Durch die Blume senden zentralasiatische Staaten immer wieder auch kritische Töne in Richtung des russischen Nachbarn. So hat kein einziger zentralasiatischer Staat die Scheinreferenden in der Ukraine anerkannt. Stattdessen betonen sie immer wieder die "territoriale Unabhängigkeit" und die "friedliche Koexistenz" von Staaten.

Solche Beispiele häufen sich: Erst Anfang des Monats weigerte sich Kasachstan der Forderung Russlands nachzukommen, den ukrainischen Botschafter auszuweisen. Dieser hatte in einem Video gegenüber einem kasachischen Blogger erklärt, dass "je mehr Russen wir jetzt töten, desto weniger werden unsere Kinder töten müssen". Zeitgleich setzten mehrere Banken in der Region das Bezahlen mit der russischen "Mir"-Bankkarte aus. Kasachstan hatte die Zusammenarbeit mit "Mir", der russischen Alternative zu ausländischen Visa- oder Masterkarten, bereits Mitte September beendet. Usbekistan und Tadschikistan wollten folgen.

Nicht nur offene Arme

Trotzdem wurden während der Einwanderungswelle auch kritische Stimmen laut. In Kasachstan forderte der Politiker Muchtar Taischan beispielsweise, die Grenze zu kontrollieren - als "Maximum" sollte man sie für Russen schließen können. Denn unklar sei, wer genau da käme, erklärte der Politiker der Nachrichtenagentur Reuters; man wisse eben nicht, ob die Menschen Putin unterstützten oder nicht. Eine Journalistin des Medienportals "vlast.kz" wiederum fragte, ob man die mit offenen Armen empfangen müsse, die in ihrem eigenen Land Zentralasiaten diskriminierten.

Für Garmaschapowa waren all das populistische Aussagen. Sie zeigten, dass auch in Kasachstan das Verhältnis zwischen ethnischen Kasachen und Russen nicht immer einfach sei. Doch die Fluchtwelle sei hier mittlerweile so gut wie kein Thema mehr. Das bestimmende Thema jetzt sei die vorgezogene Präsidentschaftswahl im November.