Kasachstans Präsident Quassim-Schormat Tokajew und Wladimir Putin beim Händedruck. | AP

Zwischen Russland und EU Kasachstans Drahtseilakt

Stand: 10.07.2022 14:58 Uhr

Die Spannungen zwischen Russland und dem Westen setzen Kasachstan unter Druck - auch, weil das Land einer der größten Erdöl-Lieferanten der EU ist. Zugleich sucht es den Anschluss nach Moskau.

Von Annette Kammerer, ARD-Studio Moskau, zzt. Berlin

Wie angespannt das Verhältnis zwischen Russland und seinem zentralasiatischen Nachbarn ist, zeigte sich auf dem Internationalen Wirtschaftsforum Ende Juni in St. Petersburg. Erst sprach Wladimir Putin - nicht zum ersten Mal - den Namen seines kasachischen Amtskollegen Quassim-Schormat Tokajew falsch aus. Dann ließ dieser selbst eine diplomatische Bombe platzen: Kasachstan erkenne weder die abtrünnigen georgischen Regionen Abchasien und Südossetien als eigenständige Staaten an noch die "Quasi-Staaten" Lughansk und Donezk.

Annette Kammerer ARD-Studio Moskau

Es ist nur eine politische Unstimmigkeit zwischen Russland und Kasachstan auf einer langen Liste. Erst verbot das zentralasiatische Land das russische Kriegssymbol "Z". Dann wollte es zum 9. Mai keine Sieges- und Militärparade abhalten und kündigte an, sich an die EU-Sanktionen gegenüber Russland halten zu wollen. Russland und Kasachstan: zwei gleichgesinnte Bruderstaaten? Mitnichten.

Am Montag telefonierte Tokajew dann mit dem EU-Ratspräsidenten Michel Barnier. Und kündigte überraschend an, Europa bei der Energieversorgung zu helfen. "Kasachstan ist bereit, sein Kohlenwasserstoffpotenzial zu nutzen, um die Lage auf den Märkten der Welt und Europas zu stabilisieren", wird Tokajew in einer Pressemitteilung zitiert. Sein Land könnte zur Pufferzone zwischen der EU und Russland werden und in Zukunft seine Rohstoffe Richtung Westen an Russland vorbei liefern.

Moskaus Reaktion kam prompt

Die Reaktion aus Moskau kam prompt. Ein russisches Gericht ordnete nur zwei Tage später an, ein Pipeline-Terminal, durch das Öl aus Kasachstan gen Westen fließt, außer Betrieb zu nehmen - offiziell wegen möglicher "Umweltschäden".

Der russische Energieexperte Michail Krutichin ist sich sicher, dass dies eine "Rache an Kasachstan dafür ist, dass es eine unabhängige, zivilisierte Außenpolitik umsetzt." Denn erstens seien die russischen Gerichte dem Staatsapparat untergeordnet und statt dem Justizsystem herrsche das "Gesetz des Telefonats", wie es heiße. Und zweitens gebe es genug Beispiele in der Geschichte Russlands, dass "Umweltgründe in Anführungszeichen" verwendet würden.  

Weiter strategischer Verbündeter

Durch die Pipeline fließen jährlich rund 67 Millionen Tonnen Öl aus Kasachstan Richtung Europa. Das zentralasiatische Land gehört zu den größten Lieferanten von Erdöl an die EU. Medienberichten zufolge soll Tokajew eine Studie in Auftrag gegeben haben, die Möglichkeiten einer neuen, von Russland unabhängigen Pipeline durchs Kaspische Meer analysiert.  

Allerdings ist für Kasachstan auch klar: Russland ist und bleibt ein strategischer Verbündeter. Das schrieb der Pressesprecher des kasachischen Präsidenten am Donnerstag in den sozialen Medien und fügte hinzu: "Handlungen, die den Interessen Russlands schaden, wird es vonseiten Kasachstans nicht geben." Man hoffe, dass das im Gegenzug auch für Kasachstan gelte.

Tatsächlich vermeldete das kasachische Ministerium für Energie noch am selben Tag kurz und knapp: Der Ölexport laufe trotz des durch Russland außer Betrieb genommenen Terminals - zumindest zur Zeit - "im Normalbetrieb".

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 09. Juli 2022 um 13:32 Uhr.