Menschen drängen sich vor einer Mauer am Flughafen in Kabul. | AP

Lage in Afghanistan Warnung vor Terrorgefahr durch "ISIS-K"

Stand: 26.08.2021 14:08 Uhr

Die Zeit wird knapper, die Lage immer gefährlicher: Während am Flughafen Kabul immer noch zahlreiche Menschen auf Rettung hoffen, warnen Geheimdienste vor möglichen Terroranschlägen des afghanischen IS-Ablegers.

Von Silke Diettrich, ARD-Studio Neu-Delhi

"Help me", rufen die Menschen vor den Toren des Flughafens. Einige mit ausgestreckten Armen, um ihre Papiere hochzuhalten. So viele seien es noch nie gewesen, sagt ein Augenzeuge der Nachrichtenagentur dpa am Telefon, der selbst in der Menge steht, um rauszukommen. Mit seiner Frau, seiner Schwester und den Kindern. Die Menschen würden so eng aneinander stehen "wie Ziegeln einer Mauer".

Silke Diettrich ARD-Studio Neu-Delhi

Es landen heute weniger Videos in den sozialen Netzwerken als zuletzt, es bleibt kaum Zeit zu filmen, wenn es darum geht, das eigene Leben, das seiner Frau und den Kindern retten zu wollen. Die Botschaften haben ihre Landsleute gewarnt, zum Flughafen zu gehen. Gefahr besteht nicht nur wegen der Massenpanik. Die Geheimdienste warnen davor, dass der sogenannte Islamische Staat dort Anschläge plant.

"Die denken, nur Gott kann herrschen"

Denn auch in Afghanistan ist eine regionale Gruppe des "Islamischen Staats" seit Jahren aktiv. "ISIS-K" wird sie genannt. Die USA und auch die Taliban versuchen seit Jahren, "ISIS-K" zu bekämpfen. Vor mehr als vier Jahren haben die USA im Osten von Afghanistan ihre größte nicht-atomare Bombe abgeworfen, dort wo der "ISIS-K" einige Bezirke im Land erobert hatte.

Dennoch sollen bis heute rund 2000 Kämpfer in der Terrorgruppe aktiv sein, ehemalige Talibankämpfer, aber auch Islamisten aus Pakistan. Die seien noch unberechenbarer als die Taliban, sagt Colin P. Clarke.

In seinem Buch "Das Ende des Kalifats" schreibt Clarke über die Zukunft der Terrorgruppe "Islamischer Staat" und hat dem US-amerikanischen Sender CNN ein Interview gegeben:

Die glauben nicht einmal an eine politische Agenda, die denken, nur Gott kann herrschen. Selbst das islamische Emirat, das die Taliban nun etablieren wollen, geht denen nicht weit genug. Sie wollen die größten Soziopathen in Afghanistan rekrutieren und gehen gegen jeden extrem gewalttätig vor, der ihnen im Weg steht.

Tausende Menschen flüchten Richtung Pakistan

Zahlreiche Anschläge in Kabul, auf Mädchenschulen, Moscheen oder sogar eine Geburtsklinik gehen auf das Konto der Terrorgruppe "ISIS-K". Auch deswegen startet die Bundeswehr heute ihre letzten Flüge. Es gebe die andauernde und große Gefahr eines terroristischen Angriffs, schreiben die Botschaften ihren Landsleuten. Damit würde die deutsche Luftbrücke heute enden.

Zehntausende Menschen sind in den vergangenen Tagen vom Kabuler Flughafen ausgeflogen worden. Auch die USA werden in den nächsten Tagen ihre Flüge einstellen müssen. Am Dienstag sollen die letzten US-Soldaten Afghanistan verlassen haben.

Viele Tausende Menschen versuchen schon jetzt, über die Grenze nach Pakistan zu gelangen. Nur wenige Grenzübergange sind derzeit für die Menschen in Afghanistan geöffnet. Auch hier - wie auf Videos in den sozialen Netzwerken zu sehen ist - stehen die Menschen dicht an dicht, um ihr Land zu verlassen. 

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 26. August 2021 um 12:10 Uhr.