Menschen versuchen über die Mauer auf den Flughafen in Kabul zu gelangen. | EPA

Machtübernahme in Afghanistan Chaos am Flughafen von Kabul

Stand: 16.08.2021 10:31 Uhr

Am Flughafen der afghanischen Hauptstadt Kabul herrschen chaotische Zustände. Zivilisten versuchten verzweifelt, in eine der Passagiermaschinen zu gelangen, Augenzeugen berichten von Toten.

Nach dem Einmarsch der Taliban in die afghanische Hauptstadt Kabul versuchten am Morgen Tausende Menschen, einen Platz auf einem Evakuierungsflug zu bekommen. US-Soldaten, die den Flughafen sichern sollen, feuerten Schüsse in die Luft, um zu verhindern, dass Menschen die Landebahn blockieren.

Die Menschenmenge hilfesuchender Afghanen erreichte auch das Rollfeld des Flughafens. "Ich habe sehr viel Angst. Sie feuern viele Schüsse in die Luft", sagte ein Zeuge der Nachrichtenagentur AFP. "Ich habe gesehen, wie ein junges Mädchen überfahren und getötet wurde", berichtete er weiter.

Verzweifelter Ansturm auf Maschinen

Dramatische Aufnahmen, die auf Online-Plattformen gepostet wurden, zeigten verzweifelte Zivilisten, die eine bereits überfüllte und verbogene Treppe hinaufkletterten, um ein geparktes Passagierflugzeug zu besteigen. Einige hingen mit den Händen am Treppengeländer.

Augenzeugen am Flughafen von Kabul berichten, mindestens fünf Menschen seien bei den chaotischen Zuständen dort getötet worden. Ein Augenzeuge sagte, fünf Leichen seien zu einem Wagen getragen worden. Ein andere Zeuge sagte, es sei unklar, ob sie in der Massenpanik gestorben oder ob sie erschossen worden seien.

Menschen stehen am Stacheldraht des Flughafens in Kabul, auf dem Militär zwischen Flugzeugen steht. | AFP

Menschen haben sich an einem Stacheldrahtzaun versammelt, hinter dem Soldaten stehen. Bild: AFP

Viele der Menschen wurden durch Gerüchte oder Falschmeldungen im Netz angezogen. "Ich habe auf Facebook gelesen, dass Kanada Asylanträge aus Afghanistan annimmt", sagte ein Mann, der laut eigenen Angaben Soldat in der afghanischen Armee war. Er sei deshalb in Gefahr: "Die Taliban haben es definitiv auf mich abgesehen", sagte er.

Kommerzieller Verkehr eingestellt

Die Flughafenverwaltung stellte unterdessen den kommerziellen Flugverkehr ein. "Es wird keine kommerziellen Flüge vom Hamid-Karsai-Flughafen geben, um Plünderungen und Verwüstungen zu verhindern. Bitte begeben Sie sich nicht zum Flughafen", hieß es in einer an Journalisten versendeten Mitteilung. Auch die US-Botschaft in Kabul forderte auf Twitter US-Staatsangehörige und Afghanen auf, "nicht zum Flughafen zu reisen".

Mehrere Fluggesellschaften meiden den Luftraum über Afghanistan, darunter auch die Lufthansa-Gruppe mit allen zugehörigen Airlines.

Die US-Streitkräfte hatten zuvor die Flugverkehrskontrolle auf dem Flughafen von Kabul übernommen. Dabei würden sie von afghanischen Helfern unterstützt, erklärte der Sprecher des US-Verteidigungsministeriums, John Kirby.

Mehr als 60 Länder forderten in einer gemeinsamen Erklärung, Afghanen und andere Staatsbürger, die das Land verlassen wollen, müsse die Ausreise erlaubt werden. Auch Flughäfen und Grenzübergänge müssten geöffnet bleiben.

Die Forderung sei unter anderem von den USA, Deutschland, Großbritannien, Frankreich, Kanada, Japan, Italien, Südkorea, Australien und Katar unterzeichnet worden. Die Machthaber in Afghanistan trügen die Verantwortung für den Schutz von Menschenleben und Eigentum sowie die sofortige Wiederherstellung von Sicherheit und bürgerlicher Ordnung.

UN-Sicherheitsrat tagt

Nach dem Einmarsch der Taliban rief UN-Generalsekretär António Guterres die Islamisten zur Zurückhaltung auf. Er sorge sich insbesondere um die Zukunft der Frauen und Mädchen in Afghanistan, "deren hart erkämpfte Rechte geschützt werden müssen", erklärte Guterres. Er forderte die Taliban und alle anderen Beteiligten auf, "äußerste Zurückhaltung zu üben" und humanitären Helfern ungehinderten Zugang zu den Menschen zu gewähren.

Der UN-Sicherheitsrat kommt am Nachmittag zusammen, um über die Lage in Afghanistan zu beraten. Die Sitzung war von Estland und Norwegen beantragt worden. Die Vereinten Nationen seien nach wie vor darum bemüht, zu einer "friedlichen Lösung des Konflikts" beizutragen, erklärte Guterres.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 16. August 2021 um 09:00 Uhr.