Taliban-Kämpfer im Präsidentenpalast | AP

Präsidentenpalast in Kabul besetzt Taliban übernehmen die Macht

Stand: 16.08.2021 06:50 Uhr

"Der Krieg in Afghanistan ist vorbei": Mit diesen Worten haben die Taliban den Präsidentenpalast in Kabul besetzt und die Macht übernommen. US-Kräfte kontrollieren den Flughafen. Präsident Ghani floh - vermutlich nach Usbekistan.

Zwei Jahrzehnte nach ihrem Sturz sind die Taliban am Sonntag ins Zentrum der Macht in Afghanistan vorgerückt. Nach ihrem blitzartigen Vormarsch feierten bewaffnete Kämpfer der radikalislamischen Miliz im Präsidentenpalast in Kabul ihren "siegreichen" Feldzug gegen die afghanische Regierung. Auf Fernsehbildern war zu sehen, wie sich Dutzende bewaffnete Kämpfer im Amtssitz des Staatschefs aufhielten.

"Der Krieg in Afghanistan ist vorbei", sagt der Sprecher des Taliban-Politbüros, Mohammad Naeem, dem Sender Al-Dschasira. "Wir versichern allen, dass wir für die Sicherheit der Bürger und der diplomatischen Vertretungen sorgen werden", fügt er hinzu. Die Form der Regierung werde bald feststehen.

Angeblich keine Vergeltung

Die Taliban verkündeten eine Amnestie für diejenigen, die für die Regierung oder ausländische Kräfte gearbeitet haben. Doch aus eroberten Gebieten gibt es bereits zahlreiche Berichte über Vergeltungsmorde und andere brutale Taktiken der Taliban.

Der Kontakt zu anderen Staaten werde gesucht, da man nicht in Isolation leben wolle. "Wir bitten alle Länder und Organisationen, sich mit uns zusammenzusetzen, um alle Probleme zu lösen." Die Taliban würden heute die Früchte ihrer Bemühungen und Opfer der vergangenen 20 Jahre ernten, sagte Naeem. "Wir haben das erreicht, was wir gewollt haben, nämlich die Freiheit unseres Landes und die Unabhängigkeit unseres Volkes." Man wolle niemandem schaden und werde auch niemanden erlauben, von Afghanistan aus andere Ziele anzugreifen.

In Kabul übernahmen die Taliban am Sonntagabend verlassene Polizeireviere und versicherten, in der Übergangszeit würden sie für Recht und Ordnung sorgen. Auch Behörden und Regierungsgebäude waren von Beschäftigten fluchtartig verlassen worden, als die Taliban näher rückten. Nur vereinzelt waren in der Stadt Schüsse zu hören, echte Gegenwehr gab es nicht. Menschen versuchten an Geldautomaten, ihr Erspartes abzuheben. Bewohner Kabuls berichteten über Plünderungen, vor allem im Diplomatenviertel.

USA sichern Flughafen

Die US-Streitkräfte übernahmen nach Angaben des US-Verteidigungsministeriums die Flugverkehrskontrolle auf dem Flughafen von Kabul. Dabei würden sie von afghanischen Helfern unterstützt, erklärte der Sprecher des Ministeriums, John Kirby. Der kommerzielle Flugverkehr laufe weiter, auch wenn es zwischendurch zu Unterbrechungen und Verzögerungen gekommen sei. Hunderte Botschaftsmitarbeiter und private US-Bürger wurden dem Ministerium zufolge bisher aus Afghanistan ausgeflogen.

Der Sender CNN berichtete, dass die Evakuierung der US-Botschaft abgeschlossen sei. Auch die US-amerikanische Flagge auf dem Gelände sei eingeholt worden. Anderen Medien zufolge ist fast das gesamte Personal zum Flughafen gebracht worden. Eine offizielle Bestätigung gab es dafür allerdings nicht.

Mehr als 60 Länder forderten in einer gemeinsamen Erklärung, Afghanen und andere Staatsbürger, die das Land verlassen wollen, müsse die Ausreise erlaubt werden. Auch Flughäfen und Grenzübergänge müssten geöffnet bleiben. Die Forderung sei unter anderem von den USA, Deutschland, Großbritannien, Frankreich, Kanada, Japan, Italien, Südkorea, Australien und Katar unterzeichnet worden. Die Machthaber in Afghanistan trügen die Verantwortung für den Schutz von Menschenleben und Eigentum sowie die sofortige Wiederherstellung von Sicherheit und bürgerlicher Ordnung.

Ghani vermutlich in Usbekistan

Nach einem zehntägigen Eroberungsfeldzug durch Afghanistan war die radikalislamische Miliz am Sonntag bis an den Stadtrand von Kabul herangerückt. Die afghanische Regierung gab auf und erklärte sich zur Machtübergabe bereit, Präsident Aschraf Ghani floh ins Ausland.

Ghani meldete sich Stunden nach seiner Flucht mit einer Erklärung via Facebook zu Wort: "Die Taliban haben gesiegt", schrieb er. Er sei aus Afghanistan geflohen, um "eine Flut des Blutvergießens zu verhindern". Wenn er geblieben wäre, wären "zahllose Patrioten" getötet und Kabul zerstört worden, fügte er hinzu. Ghani sagte nicht, in welchem Land er sich inzwischen aufhält. Wie der Sender Al Dschasira unter Berufung auf einen Leibwächter des Politikers berichtet, machte sich Ghani unter anderem mit seinem Stabschef auf den Weg in die usbekische Hauptstadt Taschkent.

Zahlreiche ranghohe Regierungsvertreter wurden von Ghanis überstürzter Abreise überrascht. "Möge Gott ihn zur Rechenschaft ziehen", sagte sein Rivale Abdullah Abdullah, Leiter des Hohen Rates für Nationale Versöhnung. "Ghani und seine Bande soll der Teufel holen", schrieb der amtierende Verteidigungsminister Bismillah Chan Mohammadi auf Twitter.

UN-Sicherheitsrat tagt

Nach dem Einmarsch der Taliban rief UN-Generalsekretär António Guterres die Islamisten zur Zurückhaltung auf. Er sorge sich insbesondere um die Zukunft der Frauen und Mädchen in Afghanistan, "deren hart erkämpfte Rechte geschützt werden müssen", erklärte Guterres. Er forderte die Taliban und alle anderen Beteiligten auf, "äußerste Zurückhaltung zu üben" und humanitären Helfern ungehinderten Zugang zu den Menschen zu gewähren.

Der UN-Sicherheitsrat kommt am Nachmittag zusammen, um über die Lage in Afghanistan zu beraten. Die Sitzung war von Estland und Norwegen beantragt worden. Die Vereinten Nationen seien nach wie vor darum bemüht, zu einer "friedlichen Lösung des Konflikts" beizutragen, erklärte Guterres.

Über dieses Thema berichtete am 16. August 2021 das Erste um 06:06 Uhr und 07:11 Uhr im ARD-Morgenmagazin und die tagesschau um 05:30 Uhr.