Ein Paar sitzt auf einer Bank am Bosporus. | dpa

Jugendstudie in der Türkei Pessimistisch und politikverdrossen

Stand: 14.02.2022 22:00 Uhr

Die Jugend in der Türkei blickt unzufrieden auf ihr Land. In einer Umfrage der Konrad-Adenauer-Stiftung stellen die 18- bis 25-Jährigen Präsident Erdogan ein verheerendes Zeugnis aus. Doch auch die Opposition kann kaum punkten.

Von Oliver Mayer-Rüth, ARD-Studio Istanbul

Junge Menschen in der Türkei können ihrer Lage in der Heimat offenbar kaum etwas Positives abgewinnen. Vielmehr ist ihre Wahrnehmung von Unzufriedenheit, Pessimismus, und Misstrauen in Politik, Staat und Institutionen geprägt, so eine Studie der Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS). Diese ließ ein unabhängiges Forscherkollektiv 3243 junge Menschen zwischen 18 und 25 Jahre in 28 Provinzen des Landes von Mai bis September 2021 befragen.

Oliver Mayer-Rüth ARD-Studio Istanbul

Das Ergebnis stellt der türkischen Regierung unter Präsident Recep Tayyip Erdogan ein verheerendes Urteil aus. Zitate belegen schonungslos das Zahlenmaterial. So wünscht sich etwa einer der Befragten "ein einfaches Leben, in dem wir nicht für das Atmen Steuern bezahlen". Ein anderer beantwortet die Frage, welche Zukunft die Türkei erwarte mit den Worten, das Land habe keine Zukunft, weil alles für ausländisches Kapital verkauft werde.

Kaum Vertrauen in Politiker

Rund fünf Millionen Erstwähler, also schätzungsweise zehn Prozent der Wählerschaft, dürfen beim kommenden Urnengang, der im Juni 2023 stattfinden soll, ihre Stimme abgeben. Die Forscher wollten wissen, wen die Befragten aktuell wählen würden. Dabei kam Erdogans Partei AKP gerade mal auf zehn Prozent. Die größte Oppositionspartei CHP würde knapp ein Viertel der Stimmen verbuchen.

Allerdings sind ganze 44,8 Prozent der Befragten unentschieden, wollen gar nicht zur Wahl gehen oder auf die Frage, wen sie wählen würden, lieber nicht antworten. Das passt zur Erkenntnis, dass generell Politiker das Vertrauen von lediglich 3,7 Prozent der Befragten genießen. Im Übrigen geben sie nicht allein den Regierungsparteien die Schuld für die aktuelle Lage. Aus Sicht der jungen Türkinnen und Türken sei es auch der Opposition nicht gelungen, eine Alternative zur Regierung zu schaffen, heißt es.

Nationalstolz dennoch wichtig

Nach Wahlforschungskriterien sei die Studie repräsentativ, so die KAS. Grund für den Pessimismus sei insbesondere die wirtschaftliche Situation des Landes. Politikwissenschaftler Professor Ali Caglar, unter dessen Leitung die Studie durchgeführt wurde, erklärte gegenüber der ARD, dass die Sicht der Befragten inzwischen noch wesentlich negativer ausfallen dürfte, da sich die wirtschaftliche Lage der Türkei seit dem Ende der Befragung deutlich verschlechtert habe. Außerdem glaubt er, dass sich die politische Stimmung der Befragten bis zur Wahl nicht ändern dürfte.

Eine Konsequenz der negativen Gesamtstimmung ist der Wunsch von knapp 73 Prozent der jungen Menschen, in einem anderen Land leben zu wollen. Trotzdem teilen die Befragten die in der Türkei in allen Altersgruppen typische Begeisterung für Nationalismus. So halten 89,7 Prozent die türkische Flagge und 71,6 Prozent das Türkischsein für wichtig.

Wenig Wertschätzung für Erdogan

Weil in der Türkei der Präsident unabhängig von den Parteien gewählt wird, wollten die Forscher wissen, welchen Politiker die 18 bis 25-Jährigen am meisten bewundern und schätzen. Dabei standen neben anderen auch Präsident Erdogan und der immer wieder bei den nächsten Wahlen als möglicher Oppositionskandidat gehandelte Istanbuler Oberbürgermeister Ekrem Imamoglu zur Auswahl.

20,1 Prozent der Befragten gaben an, keinen der von den Forschern genannten Namen zu bewundern oder zu schätzen. An zweiter Stelle wurde Erdogan genannt. Für den CHP-Mann Imamoglu entschied sich kaum jemand. Als die Forscher die Jugendlichen fragten, ob sie einen Vorschlag machen würden, der auf der Frageliste nicht zur Auswahl stand, nannten 16,3 Prozent Mansur Yavas, Oberbürgermeister von Ankara und Mitglied der Oppositionspartei CHP. Laut Politikwissenschaftler Caglar liegt dies daran, dass Yavas sich aus politischen Konflikten heraushalte und stattdessen auf seine Arbeit in der Kommunalpolitik konzentriere.

Große Skepsis gegenüber Flüchtlingen

Dass in den letzten Monaten zahlreiche türkische Politiker zunehmend ablehnende Positionen gegenüber afghanischen und syrischen Flüchtlingen bezogen, hat auch auf die türkische Jugend Einfluss, so die Studie. Mehr als die Hälfte der Befragten wollen, dass syrische Flüchtlinge zurückgeschickt werden, wenn in Syrien Frieden herrsche. Drei Viertel glauben, dass diese sich aufgrund großer kultureller Unterschiede nicht an die Türkei anpassen können.

Die Befragungen durch die Forscher wurden "face-to-face" durchgeführt und dauerten im Schnitt eine halbe Stunde. Die KAS stellte die Ergebnisse den verschiedenen in der Türkei relevanten politischen Parteien vor der Veröffentlichung vor. Zu den Reaktionen auf die Ergebnisse gibt es keine Angaben. Die Begeisterung bei Erdogans AKP dürfte sich in Grenzen halten.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 15. Februar 2022 um 13:00 Uhr.