Der verlassene und verwucherte Flughafen Jerusalem. | AFP
Reportage

Flughafen Jerusalem Traum vom Fliegen auf heiklem Terrain

Stand: 14.12.2021 19:14 Uhr

Einst herrschte am Flughafen Jerusalem Jetset-Hochbetrieb, dann legte Israel ihn still. Minister Frej schlägt nun eine Wiedereröffnung vor, von der auch die Palästinenser profitieren sollen. Die Stadt Jerusalem hat andere Pläne.

Von Benjamin Hammer, ARD-Studio Tel Aviv

Die Douglas DC-3 hat es dem Palästinenser Abu Alexbis heute angetan: ihre elegante Form, die mächtigen Doppelsternmotoren. Die DC-3 flog regelmäßig von Jerusalem nach Beirut im Libanon. Vor etwa 60 Jahren war das. Und Abu Alex fertigte die Flüge als Mitarbeiter am Flughafen von Jerusalem ab. Rief sie auf, in die Abflughalle zu gehen. Zählte die Passagiere in den Fliegern der "Air Liban" durch.

Benjamin Hammer ARD-Studio Tel Aviv

Heute ist Abu Alex 82 Jahre alt. In seiner Wohnung in Ost-Jerusalem sitzt er vor einem schweren Aktenordner: Darin hat er Fotos, Tickets und Bordkarten aufgehoben. Ein Foto zeigt ihn mit Sonnenbrille, Mütze und in einer eleganten Uniform. Es war jene Zeit, als Fliegen luxuriös und sehr teuer war. Ost-Jerusalem war damals unter der Kontrolle Jordaniens. Es gab Flüge in die gesamte arabische Welt und sogar in den Iran und nach Afghanistan. "Wenn ich mir diese Fotos anschaue, dann bin ich erst einmal stolz", sagt Abu Alex. "Es ist wie in einem Traum. Ich kann gar nicht glauben, dass ich das bin auf den Fotos."

Abu Alex | ARD-Studio Tel Aviv

Abu Alex blättert gern in einem Ordner, der ihn an die Zeit als Flughafen-Mitarbeiter erinnert. Bild: ARD-Studio Tel Aviv

Jetset-Flughafen der 1960er Jahre

1967, im Sechstagekrieg, besiegte Israel mehrere arabische Länder, eroberte unter anderem das Westjordanland und Ost-Jerusalem. Aus israelischer Sicht wurde der Ostteil der Stadt befreit. Aus jordanischer und palästinensischer Sicht war es eine schmerzhafte Niederlage. Auch der Flughafen von Jerusalem kam unter israelische Kontrolle. "Wir haben damals etwas sehr Wertvolles verloren", sagt Abu Alex. Ein Flughafen sei ja nicht wie ein Supermarkt oder eine Bushaltestelle. "Es ist ein Tor zur Welt. Und ein Tor ins Heilige Land."

Fluglinien aus dem westlichen Ausland wie zum Beispiel die Lufthansa landeten hier nie, weil die Kontrolle des Gebietes durch Jordanien und seit 1967 durch Israel völkerrechtlich nie anerkannt wurde. Israel führte hier bis zum Jahr 2001 Inlandsflüge durch. Doch während der zweiten Intifada und aus Furcht vor Beschuss durch militante Palästinenser wurde der Flughafen aus Sicherheitsgründen geschlossen.

Verlassene Stellung der israelischen Armee. | ARD-Studio Tel Aviv

Verlassene Stellung der israelischen Armee am Jerusalemer Flughafen. Bild: ARD-Studio Tel Aviv

Mit den Jahren verblichener Glanz

Der Glanz der luxuriösen Fliegerei ist heute verblasst. Im verlassenen Terminal liegen Glasscherben und ein vergilbter Zettel aus der Bedienungsanleitung für ein Instrumentenlandesystem. Eldad Brin erforscht diesen manchmal gespenstisch anmutenden Ort. Der Israeli wurde in Jerusalem geboren und ist promovierter Geograph.

Heute sei der Flughafen nur noch ein Schatten, eine leere Hülle der Vergangenheit, sagt er. Brin hat sich auf die 1960er-Jahre spezialisiert, die Blütezeit des Airports: "Der jordanische Teil Jerusalems war viel kleiner als der israelische. Er war ziemlich arm", sagt der Forscher. "Es gab aber eine kleine, palästinensisch-jordanische Elite. Die hat den Flughafen regelmäßig genutzt." Zum Skifahren in Damaskus? Auf ein Konzert in Kairo? Manche Bewohner Ost-Jerusalems hätten die Anreise per Flugzeug erledigt.

Alte Aufnahme von Abu Alex  | ARD-Studio Tel Aviv

Abu Alex vor dem Flughafen Jerusalem: Er könne selbst nicht glauben, was einmal war, sagt er. Bild: ARD-Studio Tel Aviv

Wohnviertel für ultra-orthodoxe Israelis?

Eldad Brin ist in seinem Element, wenn er durch das Terminalgebäude läuft. Wenn er die Wendeltreppe mit dem eleganten Geländer sieht, die alte VIP-Lounge mit der Holzvertäfelung. Glücklich sieht er aber nicht aus, wenn er auf den Verfall blickt. "Es bricht einem das Herz. Weil man sich denkt: Wie hätte dieser Ort hier heute aussehen können?" Ohne den Konflikt zwischen Israelis und Arabern, zwischen Israelis und Palästinensern, meint Brin, könnte es hier doch einen internationalen Flughafen geben. "Und der könnte uns allen dienen."

Genau das schlägt jetzt ein Mitglied der neuen israelischen Regierung vor: Esawi Freij will den Flughafen wieder in Betrieb nehmen. Er ist arabischer Israeli und Minister für regionale Zusammenarbeit. Freij nennt den Flughafen einen "Schatz", von dem alle Seiten profitieren könnten. Die Palästinenser, die im von Israel besetzten Westjordanland leben, sollen ein eigenes Terminal bekommen - so der Plan. Kann der Flughafen wirklich wiedereröffnet werden? Der Geograph Brin winkt ab: "In einem so kleinen Land, in dem der Flughafen Ben Gurion sehr nah ist, gibt es wirklich keine Rechtfertigung für einen weiteren Flughafen."

Blick ins Terminal vom ehemaligen Flughafen in Jerusalem. | ARD-Studio Tel Aviv

Einst ein Ort des Aufbruchs und der Begegnung mit der Welt: der Terminal des ehemaligen Flughafens in Jerusalem. Bild: ARD-Studio Tel Aviv

Außerdem gebe es im Jerusalemer Stadtteil Kufr Aqab, der vom Kontrollturm aus zu sehen ist, mittlerweile viele hohe Häuser - Brin hat Sicherheitsbedenken. Die Stadt Jerusalem hat ohnehin ganz andere Pläne für das Areal: 9000 Wohneinheiten sollen hier für ultra-orthodoxe Israelis entstehen - mitten in Ost-Jerusalem, umgeben von palästinensischen Vierteln. Nicht nur die US-Regierung befürchtet, dass eine palästinensische Hauptstadt in Ost-Jerusalem damit endgültig ein Ding der Unmöglichkeit wird. Manche israelische Politiker wollen genau das erreichen. Die Pläne wurden vor kurzem gestoppt. Vorerst. Brin glaubt: Irgendwann wird das Vorhaben dennoch umgesetzt. Gut findet er das nicht.

Eldad Brin | ARD-Studio Tel Aviv

Eldad Brin ist Geograph. Er glaubt nicht daran, dass der Flughafen wiedereröffnet wird - auch wenn er sich schöne Ideen damit vorstellen kann. Bild: ARD-Studio Tel Aviv

Traum von einer "utopischen Blase" des Friedens

Von der früheren Besucherterasse hat man einen Blick auf das Vorfeld des Flughafens. Die akkurat gepflanzten Palmen könnten etwas Pflege gebrauchen. Und auch sonst herrscht hier Tristesse, wo sich einst elegant gekleidete Gäste einen Drink genehmigten. "Der heutige Zustand des Flughafens ist sehr symbolisch. So sehen die Chancen auf einen Frieden zwischen Israelis und Palästinensern aus", sagt Brin.

Er hat einen Vorschlag, was auf dem so sensiblen Terrain entstehen könnte: Das gleiche wie auf dem Berliner Flughafen Tempelhof, der heute ein Areal für Kultur und Erholung ist. Brin entwirft in seinem Kopf ein restauriertes Flughafengelände, ein Café und einen Park. Für Israelis und Palästinenser. "Es könnte Teil einer utopischen Blase der Koexistenz im Norden Jerusalems werden", sagt er. "Aber hey, ich denke, dass es nie passieren wird."

Ehemalige Flughafen-Treppe zum Boarding. | ARD-Studio Tel Aviv

Über diese Treppe besteigt niemand mehr ein Flugzeug - und auch das zugewucherte Rollfeld ist vorerst nicht mehr tauglich für den Flugverkehr. Bild: ARD-Studio Tel Aviv

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 14. Dezember 2021 um 09:52 Uhr.