Teilnehmer des umstrittenen Flaggenmarschs durch Ostjerusalem schwenken israelische Flaggen.  | AFP

Umstrittener Flaggenmarsch Nationalisten ziehen durch Jerusalem

Stand: 15.06.2021 19:46 Uhr

Tausende nationalistische Israelis haben an einem Flaggenmarsch durch Jerusalem teilgenommen. Für viele Palästinenser ist das eine Provokation. Aus Sorge vor Eskalationen wurde die ursprüngliche Route geändert - dennoch gab es Gewalt.

Die Waffenruhe nach dem elftägigen Krieg vor gut einem Monat zwischen Israel und der Hamas ist brüchig - umso größer ist die Sorge, dass ein Funke diesen Konflikt wieder anheizen könnte. So ein Funke wie der Flaggenmarsch von rechtsgerichteten Israelis heute durch Ostjerusalem. Laute religiöse Musik schallte aus Lautsprechern, als sich die vor allem jungen Männer zu dem Marsch versammelten. Viele von ihnen trugen israelische Flaggen.

Die Palästinenser werten den Marsch, der üblicherweise durch das Damaskus-Tor und ins Herz des muslimischen Viertels führt, als Provokation. Diesmal wurde die Parade aus Sorge vor einer neuen Eskalation umgeleitet. Statt über das Damaskus-Tor ins muslimische Viertel führte der Weg diesmal durch das Jaffa-Tor, das auch die meisten Touristen durchqueren, um ins jüdische Viertel und zur Klagemauer zu gelangen.

Die Hamas rief zum Widerstand auf, es kam zu einer Reihe von Zwischenfällen. Die Polizei räumte den Platz vor dem Damaskus-Tor, sperrte Straßen und schickte junge palästinensische Demonstranten weg. Von palästinensischer Seite wurden 17 Festnahmen gemeldet. 27 Menschen seien bei Zusammenstößen mit der israelischen Polizei verletzt worden. Palästinenser im Gazastreifen ließen Brandballons steigen und legten damit mindestens zehn Feuer im Süden Israels.

Palästinenser demonstrieren im zerstörten Gaza-Streifen gegen den Flaggenmarsch israelischer Nationalisten durch Ostjerusalem. | dpa

Palästinenser rufen in Gaza-Stadt Parolen und halten palästinensische Flaggen in die Höhe. Bei einer Demonstration gegen den umstrittenen Flaggenmarsch in Jerusalem gehen sie an Gebäuden vorbei, die durch israelische Luftangriffe zerstört wurden. Bild: dpa

Bewährungsprobe für junge Regierung

Der Marsch war auch eine erste Bewährungsprobe für die Regierung des neuen Ministerpräsidenten Naftali Bennett. Er gehört dem ultrarechten Lager an. Ein Verbot der Parade hätte ihn Ansehen unter seinen Anhängern gekostet und wäre als Kapitulation vor der Hamas aufgefasst worden. Allerdings sind auch linke Parteien sowie die arabische Raam Teil der Acht-Parteien-Koalition, die am Sonntag vereidigt wurde. Raam-Chef Mansur Abbas sagte, der Marsch der Ultranationalisten, der an die Eroberung Ostjerusalems 1967 erinnern soll, sei ein Versuch, die ganze Region in Brand zu stecken und die Regierung zu untergraben. Er hätte verboten werden sollen. Er rief alle Beteiligten zur Zurückhaltung auf.

Nach Angaben der Jerusalemer Stadtverwaltung sollten etwa 2000 Polizisten den Marsch absichern. Die israelische Armee verlegte nach einem Bericht der "Jerusalem Post" zusätzliche Kräfte ins Westjordanland.

Ursprünglich hatten Unterstützer von Ex-Ministerpräsident Benjamin Netanyahu zu dem Flaggenmarsch aufgerufen. Der Flaggenmarsch erinnert an die Eroberung Ostjerusalems durch israelische Truppen im Sechstagekrieg von 1967.

Sicherheitskräfte positionieren sich vor dem umstrittenen Flaggenmarsch in der Nähe vom Damaskustor in der Jerusalemer Altstadt. | dpa

Sicherheitskräfte stehen vor dem Start des Flaggenmarsches vor dem Damaskus-Tor. Bild: dpa

Nationalistischer Flaggenmarsch wird nachgeholt

Ursprünglich sollte der Marsch am 10. Mai anlässlich des sogenannten Jerusalem-Tags stattfinden. Nach dem Beginn des Umzugs feuerten Kämpfer der Hamas im Gazastreifen zahlreiche Raketen in Richtung Jerusalem ab. Damit begann eine elftägige gewaltsame Auseinandersetzung. Die islamistische Hamas bezeichnete den Angriff auf Jerusalem als eine Reaktion auf Israels Vorgehen auf dem Tempelberg und in dem Viertel Scheich Dscharrah. Die von der EU, den USA und Israel als Terrororganisation eingestufte islamistische Gruppierung hatte im Fall neuer "Verstöße" Israels mit erneuten Angriffen gedroht. Wie die "Jerusalem Post" am Montag berichtete, hat die Armee zusätzliche Truppen ins Westjordanland verlegt.

Bei der letzten Gewalteskalation zwischen Israel und militanten Palästinenserorganisationen waren im Mai im Gazastreifen 255 Menschen und in Israel 13 Menschen getötet worden. Israel hatte den arabisch geprägten Ostteil Jerusalems 1967 erobert. Die Palästinenser sehen ihn als künftige Hauptstadt, Israel beansprucht dagegen ganz Jerusalem als Hauptstadt.

Neue Regierung in Israel

Mit nur einer Stimme Vorsprung war die neue israelische Regierung von Ministerpräsident Naftali Bennett am Sonntagabend im Parlament bestätigt worden. Dies bedeutet das vorläufige Ende der Ära Netanyahus, der seit 2009 durchgehend im Amt war.

Die neue Koalition wird von Parteien vom rechten bis zum linken Spektrum getragen. Unter ihnen ist erstmals auch eine arabische Partei. Jair Lapid von der gemäßigten Zukunftspartei wird zunächst Außenminister. Er soll dann im August 2023 Bennett als Ministerpräsident ablösen. Zahlreiche Staaten gratulierten der neuen Regierung, darunter die USA, Deutschland, Russland und die Vereinigten Arabischen Emirate. Der palästinensische Ministerpräsident Mohammed Schtaje sagte, mit der Ablösung Netanyahus gehe "eines der schlimmsten Kapitel in der Geschichte des Konflikts" mit Israel zu Ende.

Noch vor gut einem Monat war fast undenkbar, dass Bennett neuer Regierungschef wird. Bei der vergangenen Wahl holte seine Partei nur sieben Mandate. Bei der Wahl im April 2019 verpasste er sogar knapp den Einzug ins Parlament. Der national-religiöse Politiker hat in den vergangenen Jahren immer wieder versucht, sich als Alternative zu Netanyahu zu präsentieren.

Über dieses Thema berichtete BR24 am 15. Juni 2021 um 18:06 Uhr.