Ein Mann geht im umkämpften Marib über einen Friedhof. | REUTERS
Analyse

Nach US-Kurswechsel Hoffnung auf Frieden im Jemen?

Stand: 02.03.2021 17:40 Uhr

Die US-Regierung entzieht ihrem Bündnispartner Saudi-Arabien die Unterstützung für den Waffengang im Jemen. Die Huthi-Rebellen wittern Morgenluft. Kommt nach sechs Jahren Krieg nun endlich Frieden?

Von Daniel Hechler, ARD-Studio Kairo

Ein Blick auf den Frontverlauf gibt keinen Grund zur Hoffnung. Vielmehr stehen die Zeichen auf Eskalation im Jemen: Seit Anfang Februar läuft eine Offensive der Huthi-Rebellen auf die strategisch wichtige Stadt Marib im Norden des Landes - eine der letzten Hochburgen der international anerkannten, aber weitgehend machtlosen Regierung. Deren Schutzmacht Saudi-Arabien fliegt unentwegt Luftangriffe. Beide Seiten verzeichnen Hunderte Tote.

Daniel Hechler ARD-Studio Kairo

Auch an 50 weiteren Frontabschnitten tobt der Krieg in dem krisengeschüttelten Land. Die Huthis greifen Saudi-Arabien aber längst auch direkt an - mit Raketen und Drohnen. In Riad sind bei einem solchen Angriff vor wenigen Tagen fünf Zivilisten ums Leben gekommen.

Karte von Saudi-Arabien und Jemen mit den Städten Sanaa, Riad und Marib |

Abkehr von Trumps Schulterschluss

Und doch zeichnet sich nach sechs Jahren Krieg eine Wende ab. Saudi-Arabien ist zunehmend isoliert und steht massiv unter Druck, den Waffengang zu beenden, nun auch aus Washington. Schon im Wahlkampf setzte sich Joe Biden vom Kurs des damaligen US-Präsidenten Donald Trump klar ab. Der hatte den engen Schulterschluss mit dem Königshaus geübt, tanzte in Riad den traditionellen Schwertertanz, schloss milliardenschwere Waffendeals ab.

Zu Besuch bei Freunden: Der saudische Kronprinz Mohammed bin Salman im Weißen Haus bei US-Präsident Trump. | dpa

Der saudische Kronprinz Mohammed bin Salman und Donald Trump verstanden sich blendend. Bild: dpa

Biden dagegen erklärte, dass er keine Lust habe, mit Autokraten und Diktatoren zu schmusen. Die Werte Amerikas seien für Öl und Waffen nicht zu verkaufen. Im Amt blieb er dieser Linie treu, ging auf Distanz zum Königshaus, schlug einen neuen Ton an, vermied aber den Eklat. An der strategischen Partnerschaft mit Saudi-Arabien will er im Grundsatz festhalten - auch um die Reihen gegenüber dem Iran, dem Erzfeind Saudi-Arabiens, geschlossen zu halten.

Der erste Anruf des neuen US-Präsidenten in Riad ließ lange auf sich warten. Er galt auch nicht dem eigentlichen Herrscher, Kronprinz Mohammed, sondern dessen Vater, dem greisen König Salman, der sich aus der eigentlichen Regierungsarbeit längst zurückgezogen hat.

Biden ließ einen Tag später den Geheimdienstbericht zum Mord am Exilkritiker Jamal Khashoggi veröffentlichen. Darin wird der Kronprinz als Drahtzieher direkt verantwortlich gemacht. Trump hatte den Bericht noch unter Verschluss gehalten, die Affäre heruntergespielt.

Es folgten Sanktionen gegen 76 Bürger Saudi-Arabiens. Kronprinz Mohammed selbst blieb verschont, eine Eliteeinheit aus seinem Umfeld, die für den Mord verantwortlich gemacht wird, müsse aber aufgelöst werden, fordert die US-Regierung.

Ende der Waffenlieferungen für Riad

Schon zuvor hatte Biden ein Ende der US-Unterstützung für den Krieg im Jemen angekündigt. Alle Waffenlieferungen nach Saudi-Arabien würden vorerst eingestellt. Ein massiver Schlag gegen das Königreich. Denn ohne die US-Unterstützung bei Wartung und Instandhaltung der Kampfjets, ohne amerikanische Aufklärungsflugzeuge und Geheimdienstinformationen kann Riad den Einsatz auf Dauer nicht durchhalten.

Die Bilanz des Einsatzes ist ohnehin verheerend: Hunderttausende Menschen kamen bislang schon ums Leben. 80 Prozent der Einwohner sind auf Hilfe angewiesen, 400.000 Kinder vom Tod bedroht. Und die Bereitschaft der internationalen Gemeinschaft, humanitäre Hilfe zu leisten, sinkt dramatisch, obwohl die Not im Jemen zunimmt.

Die Militärallianz unter Führung Saudi-Arabiens wollte die Huthi-Rebellen mit gezielten Luftschlägen in kurzer Zeit vernichtend schlagen. Stattdessen konnten diese einen Großteil ihres Machtbereichs halten, leisten bis heute erbittert Widerstand. Gegen ihre Kampfmoral und Guerillaerfahrung konnten auch High-Tech-Jets und Drohnen aus US-Produktion wenig ausrichten. Zudem genießen die Huthis die Unterstützung des Iran. Letztlich ist es ein klassischer Stellvertreterkrieg ohne klaren Sieger, aber mit einem ganzen Volk als Verlierer.

Huthis gehen in die Offensive

Nun erodiert die Unterstützung für den Einsatz. Saudi-Arabien kann den Krieg im Alleingang militärisch nicht mehr gewinnen. Die Huthis wittern ihre Chance, gehen in die Offensive. Sie wollen bei möglichen Friedensverhandlungen aus einer Position der Stärke heraus antreten. Für Saudi-Arabien dagegen kann es jetzt nur noch um Gesichtswahrung gehen.

Biden hat Tim Lenderking zum Sondergesandten für den Jemen ernannt. Er soll die Chancen für eine Waffenruhe sondieren, die unterbrochenen Friedensgespräche wieder in Schwung bringen. Es könnte auf eine Machtteilung im Land hinauslaufen: Das Zentrum und der Norden blieben dann unter Kontrolle der Huthis, der Süden wird unabhängig.

Für Millionen hungernde Menschen im Jemen wäre das allemal besser als eine Fortsetzung des zermürbenden Waffengangs. Der große Verlierer aber wäre Kronprinz bin Salman selbst, dessen Militärstrategie damit krachend gescheitert ist.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 01. März 2021 um 20:00 Uhr.