Wie alt diese beiden Kämpfer sind, die an der Seite der Regierungstruppen stehen, lässt sich nicht überprüfen (12. September 2021). | REUTERS

Krieg im Jemen Selbst Kinder müssen kämpfen

Stand: 25.09.2021 17:17 Uhr

Trotz katastrophaler humanitärer Zustände eskalieren die Kriegsparteien im Jemen den Konflikt immer weiter. Wie ein UN-Bericht zeigt, scheuen sie nicht einmal davor zurück, dabei auch Kinder einzusetzen.

Von Alexander Stenzel, ARD-Studio Kairo

Es ist ein erbitterter Kampf um Landgewinn, es ist aber auch ein erbitterter Kampf um Energiequellen. Die aufständischen Huthi kämpfen im Jemen erbittert gegen Regierungstruppen um die Kontrolle über die Stadt Marib. Dabei geht es nicht zuletzt um die nahegelegenen Öl- und Gasfelder. Hunderte Kämpfer sind in den vergangenen Monaten dort auf beiden Seiten gestorben.

Alexander Stenzel ARD-Studio Kairo

Die Huthi brauchen dringend Energie, also Öl und Gas, für den Kampf. Sie sind durch die Wirtschaftsblockade der von Saudi-Arabien angeführten Militärkoalition isoliert und können deshalb legal keinen Treibstoff ins Land bringen. Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate griffen in den Bürgerkrieg ein, um eine Vormachtstellung der von Iran unterstützten Huthi zu verhindern. In dem Mehrfrontengeflecht sind die Kriegsparteien nicht willens den Konflikt zu beenden. Im Gegenteil: Er wurde im Laufe der Jahre immer brutaler.

Karte von Saudi-Arabien und Jemen mit den Städten Sanaa, Riad und Marib

Menschenrechtsverletzungen aller Parteien

Die Vereinten Nation (UN) wiesen am 14. September darauf hin, dass alle Kriegsparteien Menschenrechte verletzten würden. Keine der jemenitischen Kriegspartien sei an einer Aufklärung interessiert. Kamel Jenoubi von der Jemen-Expertengruppe beklagt, dass den UN seit drei Jahren in Folge eine Untersuchung von Menschenrechtsverletzungen im Jemen nicht erlaubt werde.

Es ist aber auch nicht in Saudi-Arabiens Interesse, dass Kriegsverbrechen dokumentiert werden: Bei Luftangriffen Saudi-Arabiens und seiner Verbündeten sind nach UN-Recherchen seit 2015 mehr als 18.000 Zivilisten verletzt oder getötet worden.

Trotz der anhaltend katastrophalen humanitären Lage im Land eskalieren die Kriegsparteien den Konflikt immer wieder aufs Neue - und scheuen mittlerweile nicht einmal davor zurück, auch Kinder in den Kampf zu schicken.

UN-Bericht über Kindesentführungen

In einem Bericht des UN-Sicherheitsrats vom vergangenen Mai dokumentieren Experten, dass die Konfliktparteien auch Minderjährige rekrutieren. Bei den Huthi seien es im Recherchejahr 2020 163 Kinder gewesen, bei den jemenitischen Streitkräften aus dem Süden 34 Kinder.

Wie und warum die Kinder zu den bewaffneten Kräften kommen, ist nicht klar. Es gibt Berichte, denen zufolge die Huthi Probleme haben, Kämpfer zu rekrutieren. Das würde erklären, warum laut UN-Bericht 22 Kinder von ihnen entführt wurden - bei den jemenitischen Streitkräften sollen es 55 gewesen sein.

Die in der Schweiz ansässige Menschenrechtsoganisation "Euro-Mediterranean Human Rights Monitor" zeichnet ein noch wesentlich düstereres Bild: Sie legt dar, dass die Huthi eine große Kinder-Rekrutierungs-Kampagne fahren. So hätten sie 52 Trainingslager aufgebaut, in denen aus Kindern Soldaten gemacht werden sollen. Während des Krieges sollen die Huthi laut "Euro-Mediterranean Human Rights Monitor" mehr als 10.000 Kinder rekrutiert haben.

Rekrutierung bei den Ärmsten

Nach Recherchen der Organisation wird nicht immer Druck oder Indoktrination angewandt, sondern oft die Not der Menschen ausgenutzt. In einem Interview schildert der 15-jährige M. H. aus der Provinz Sanaa: "Im Januar 2020 wurde ich von einem Huthi-Verantwortlichen in Sanaa rekrutiert, nachdem er meinem Vater Geld gegeben hat. Wir sind sehr arm."

Es folgte die Ausbildung und dann der Einsatz. Der im Bericht zitierte Junge berichtet, die Huthi hätten ihn an die Nihm-Front östlich von Sanaa gebracht: "Mein Job war es, zusammen mit anderen Kindern militärischen Nachschub und Lebensmittel an verschiedene Fronten zu transportieren." Nach einer Verwundung in einem Einsatz habe er fliehen und sich nach Marib durchschlagen können - ausgerechnet in die Stadt, die jetzt so schwer umkämpft ist.