Ein Mann zwischen großen Holzhaufen | ARD Kairo

Krieg im Jemen Letzter Ausweg Baumfällen

Stand: 15.01.2022 16:39 Uhr

Infolge des Energiemangels müssen die Menschen im Jemen findig sein: Ein Bäcker aus Sanaa fährt in die Berge und fällt dort Brennholz. Die Kriegspartei Saudi-Arabien gibt sich währenddessen einen grünen Anstrich.

Von Ramin Sina, ARD-Studio Kairo

Bilal Ash-Sharaabi ist eigentlich Bäcker. Nun ist er aber auch noch Holzfäller geworden, gezwungenermaßen. Seit gut einem Jahr gilt für ihn: ohne Holz kein Feuer - und ohne Feuer kein Brot. Ash-Sharaabis Bäckerei liegt im Zentrum Sanaas, der Hauptstadt des Jemen. Von innen erinnert sie ein wenig an eine neapolitanische Pizzeria. Seine Mitarbeiter diskutieren lautstark und ziehen im Sekundentakt pizzagroße Fladenbrote aus dem Steinofen.

Ramin Sina ARD-Studio Kairo

Diesen Steinofen betrieben sie jahrelang mit Gas. Doch an Gas zu kommen, ist für die Menschen der Hauptstadt mittlerweile fast unmöglich. Im Land wird zu wenig Gas produziert und Gasimporte aus dem Ausland werden von der saudisch-angeführten Kriegsallianz blockiert. "Wegen dem Krieg kommen wir nicht an Gas, nicht einmal zum Backen. Also muss ich Holz suchen gehen in den umliegenden Tälern", klagt Ash-Sharaabi.

Mit einem Pickup-Van macht er sich auf ins Al-Haymah Tal. Die Fahrt ist mühsam: Sie führt über die kargen Berge, dauert drei Stunden. Im Tal angekommen trifft er auf ein gutes Dutzend Männer. Sie alle sind hier, um Holz zu sammeln und in Sanaa selbst zu nutzen oder zu verkaufen. Sie alle müssen ihre Familien ernähren.

Bilal ash-Sharaabi | ARD Kairo

Holzfäller wider Willen: Bilal ash-Sharaabi kann seine Backstube nur noch mit mühsam gefällten Akazienstämmen befeuern. Bild: ARD Kairo

Größte humanitäre Krise der Welt

In kaum einem anderen Land hungern die Menschen so stark wie im Jemen. Seit mittlerweile sieben Jahren herrscht in dem ärmsten arabischen Land Krieg. Kaum einer der 30 Millionen Einwohner, der nicht eine Angehörige, einen Freund verloren hat.

Mindestens 150.000 Menschen sind in diesem Krieg gestorben - nimmt man indirekte Kriegsfolgen wie Hunger oder mangelnden Zugang zu Gesundheitsversorgung hinzu, sind es laut Vereinten Nationen wohl eher doppelt so viele. 80 Prozent der Menschen sind auf humanitäre Hilfe angewiesen, rund 400.000 Kinder unterernährt.

Zahlreiche Kriegsparteien

Die Konfliktparteien bekämpfen sich dennoch gnadenlos weiter. Auf der einen Seite die aufständischen Huthi, die weite Teile des Nordens inklusive Hauptstadt kontrollieren und über rund 20 Millionen Jemeniten herrschen. Auf der anderen Seite die von Saudi-Arabien angeführte Militärkoalition, die mit Kriegsschiffen erschwert, dass Schiffsladungen mit Nahrung, Medizin, Öl und eben Gas am Hafen von Hodeidah andocken können.

Mitte Dezember bombardierte sie zudem den Flughafen von Sanaa, mittlerweile ist der Flugverkehr zumindest für Hilfslieferungen der UN wieder offen. Neben den Huthi und der Militärkoalition tummeln sich weitere, kleinere Kriegsparteien: der von den Vereinigten Arabischen Emiraten unterstützte Südübergangsrat, Truppen des Neffen von Ex-Präsident Saleh und dschihadistische Gruppierungen wie Al-Kaida und der "Islamische Staat".

Kämpfe um Marib und Provinz Shabwa

Gekämpft wurde in den letzten Tagen vor allem im Zentrum des Landes rund um die Stadt Marib. Ein strategisch wichtiger Ort, liegen in der Nähe doch große Öl- und Gasfelder. Hunderte Kämpfer starben bei den Gefechten.

Die Huthi waren lange auf dem Vormarsch, Anfang der Woche vermeldeten allerdings Truppen, die von den Emiraten und Saudi-Arabien unterstützt werden, einen Erfolg südöstlich der Stadt: die Rückeroberung der ölreichen Provinz Shabwa. Wer mittelfristig die Oberhand behalten wird im Zentrum des Landes, ist weiterhin offen.

Bäume fällen statt Bäume pflanzen

Saudi-Arabiens Kronprinz Mohammed Bin Salman ist der führende Kopf hinter der Militärkoalition, die die Gasimporte aus dem Ausland in den Jemen blockiert. Gerne macht er großspurige Ankündigungen, so versprach er 2015 einen "schnellen Sieg im Jemen".

Im vergangenen Jahr verkündete er 50 Milliarden Bäume im Nahen Osten pflanzen zu wollen, um CO2-Emissionen reduzieren und die Umwelt schützen. Dass die von ihm maßgeblich geprägte saudische Außenpolitik nun indirekt Jemeniten dazu zwingt, Bäume zu fällen, gibt dem brutalen Krieg eine weitere absurde Note.

Bäcker Ash-Sharaabi hat im Al-Haymeh Tal derweil seine Kettensäge ausgepackt. Er hat sich einen schönen Akazienbaum ausgesucht, fällt ihn und legt die dünnen und dicken Äste auf die Ladefläche seines Vans.

Mit der Holzausbeute aus dem Tal ist er immerhin zufrieden: Rund eine Woche können seine Mitarbeiter damit Feuer im Steinofen entfachen. Erschöpft macht er sich auf die Heimfahrt, drei Stunden zurück über die Berge. "Es kostet viel Kraft und Zeit", sagt er. "Und das alles für ein bisschen Holz."

Ein Mann fällt einen kleinen Baum | ARD Kairo

So werden die Berghänge im Jemen abgeholzt - der Energiemangel lässt den Jemeniten keine andere Wahl. Bild: ARD Kairo