Kinder in einer japanischen Schulkantine beim Küchendienst | ARD-Studio Tokio
Weltspiegel

Schulessen in Japan Gut essen will gelernt sein

Stand: 12.12.2021 10:27 Uhr

In Sachen Ernährung gelten Japans Kinder als die gesündesten der Welt. Anders als in den meisten Industrienationen liegt das auch am Schulessen: Gesund und ausgewogen zu speisen lernen schon die Kleinsten.

Von Ulrich Mendgen, ARD-Studio Tokio

Jeden Tag ein gesundes und ausgewogenes Mittagessen für Kinder - wie das geht, zeigt die Grundschule Nummer 6 in Kodaira, einer Gemeinde im Großraum Tokio. Der Schulgarten ist hier ein richtiger Acker. Ein grünes Feld, wie es sich nur selten findet im größten städtischen Ballungsraum der Welt. Hier pflanzt die Schule viele verschiedene Feldfrüchte an, unter anderem Kartoffeln und Süßkartoffeln.

Ulrich Mendgen ARD-Studio Tokio

"Die Kinder sollen Lebensmittel nicht nur vom Supermarkt kennen", erklärt Lehrerin Hideko Shiari. Sie ist in der Schule für Ernährungslehre zuständig und begleitet die Klassen regelmäßig zum Schulacker. Für die Schüler fühlt sich jeder Besuch an wie eine Schatzsuche. So auch für die Zweitklässlerin Iko Nataka: "Ich habe heute zum ersten Mal geerntet. Das hat großen Spaß gemacht", erzählt sie.

Zwei Euro pro Mahlzeit

Das Thema Ernährung ist Lehrstoff an allen Grund- und Mittelschulen Japans. Die Gemeinde Kodaira ist auf dem Gebiet besonders aktiv. Kartoffeln vom schuleigenen Feld dienen im Unterricht als Anschauungsobjekt. Dann wandern sie in den Kochtopf. Denn es wird jeden Tag frisches Mittagessen zubereitet - für insgesamt mehr als 600 Kinder.

Das gemeinsame Mittagessen ist in Japan fester Bestandteil des Alltags an staatlichen Grund- und Mittelschulen. Ursprünglich in Notzeiten geschaffen, hat es inzwischen seine positive Wirkung auch in der Wohlstandsgesellschaft gezeigt. Denn allein die Regelmäßigkeit des Essens hat auf die Gesundheit der Kinder bereits einen positiven Effekt. Nebenbei werden berufstätige Eltern entlastet: Sie zahlen pro Mahlzeit umgerechnet nur etwa zwei Euro.

Kinder graben den Schulacker um. | ARD-Studio Tokio

Lernen, wo das Essen herkommt: Kinder graben gemeinsam den Schulacker um. Bild: ARD-Studio Tokio

"Fremdessen nicht erwünscht"

Beim Schulessen setzt Japan auf eine Art Baukastensystem, das im Laufe der Jahrzehnte verfeinert wurde. Anders als ein klassisches deutsches Mittagessen besteht eine Mahlzeit nicht aus einem einzigen Hauptgericht, sondern aus einer Kombination verschiedener Komponenten. Dazu gehört in der Regel ein stärkehaltiges Gericht, oft mit Reis. Dazu eine separate proteinhaltige Speise - Fisch oder Fleisch - und eine vegetarische Beilage. Nicht fehlen darf eine kleine Flasche Milch.

Auch die Schule in Kodaira legt großen Wert auf die Ausgewogenheit der einzelnen Bestandteile. Immer wieder wird auch experimentiert: So landen zum Beispiel auch Taro-Kartoffeln auf dem Teller. Die Knolle ist den meisten Kindern fremd. In der Schule lernen sie Lebensmittel kennen, die sie von zu Hause nicht gewohnt sind. Allerdings soll nichts übertrieben werden: Es muss ihnen einfach gut schmecken.

Vor jeder Mahlzeit wird der Nährwert berechnet: An der Grundschule sind es zwischen 600 und 700 Kilokalorien. Niemand soll Essen von zu Hause mitbringen müssen - und es ist auch nicht erwünscht. Denn "Fremdessen", sei es von den Eltern oder vom nächsten Kiosk, würde die schuleigene Diät durcheinanderbringen.

Tablett mit Mittagessen aus einer Schulkantine in Japan | ARD-Studio Tokio

Ein Reisgericht, eine Suppe, ein Stück Fisch: So sieht in Japan ein Schulkantinen-Essen aus. Bild: ARD-Studio Tokio

Lebhafte Mittagspause

Beim Schulessen gibt es feste Routinen: Servieren müssen die Kinder selbst. Gegessen wird immer im Klassenraum, wobei japanische Grundschüler stets an Einzeltischen sitzen und beim Essen nicht sprechen sollen. Das sagt manches aus über die strengen japanischen Vorstellungen von Ordnung und Disziplin. In der Praxis hat das nicht unbedingt Bestand. In der Grundschule Nummer 6 in Kodaira jedenfalls geht es beim Essen durchaus lebhaft zu, es läuft Musik im Hintergrund und die Schüsseln werden meistens geleert.

"Die Ernährungserziehung wirkt auch in die Familien hinein", erklärt Nahoko Maekda vom japanischen Landwirtschaftsministerium. Was die Kinder über Lebensmittel lernten, habe auch Konsequenzen für die Ernährung außerhalb der Schule: "Als Folge ist zum Beispiel der Anteil der Kinder gestiegen, die zu Hause ein Frühstück essen."

Über dieses Thema berichtete das Erste im Weltspiegel am 12. Dezember 2021 um 19:20 Uhr.