Der Ausblick aus einem Quarantäne-Hotelzimmer: Eine Wand. | Julia Linn/ARD-Studio Tokio

Hotelquarantäne in Japan Zimmerwechsel? "Verzeihung, geht nicht"

Stand: 02.07.2021 04:22 Uhr

Vierzehn Tage im Zimmer, in Selbstversorgung und per "Flurkörbchen" mit der Außenwelt verbunden: Für so manche Reporter, die zu den Olympischen Spielen nach Japan einreisen, wird die Pflicht-Quarantäne zur Herausforderung.

Von Julia Linn, ARD-Studio Tokio, zzt. in Quarantäne

"Es gibt kein Wasser mehr", sagt die Hotelangestellte an der Rezeption. Eine Nachricht, die Journalistinnen und Journalisten in einem vom japanischen Olympischen Komitee zugeteilten Quarantäne-Hotel in Tokio in Unruhe versetzt - schließlich können sie bis auf Weiteres nicht selbst Wasserflaschen einkaufen gehen. Zu klein war der Vorrat für die gut 200 internationalen Journalisten im Hotel.

Schon die Situation bei ihrer Ankunft in Japan hatte bei einigen für Unbequemlichkeiten gesorgt: Denn der Flughafen Tokio-Haneda erinnert aktuell eher an ein gigantisches Krankenhaus. Zahlreiche Gates wurden zu einem Coronatest-Stationslauf umfunktioniert - "fast wie beim Zirkeltraining", sagt ARD-Korrespondent Uwe Schwering. Auch wenn der Test negativ ausfällt - und auch bei vollem Impfschutz -, führt an der zweiwöchigen Quarantäne kein Weg vorbei, um sich dann in Japan frei bewegen zu können.

Zunächst ist der Bewegungsradius aber stark eingeschränkt. Maximal zehn Quadratmeter groß sind die Zimmer im Quarantäne-Hotel: Ein Bett, ein Stuhl und ein Schreibtisch, auf dem gerade mal ein Laptop Platz findet. Direkt über dem kleinen Arbeitsplatz hängt der Fön. "Ich habe alles ausgemessen, als ich angekommen bin", erzählt der belgische Bildingenieur Walter Vanderstukken. "Ich bin ziemlich groß, das Zimmer fühlt sich klein an. Am Anfang war es schwierig, aber ich gewöhne mich daran."

Der Flur des Quarantänehotels in Tokio. | Julia Linn/ARD-Studio Tokio

Der Flur des Quarantänehotels in Tokio. Bild: Julia Linn/ARD-Studio Tokio

Waffeln für die schweren Momente

Patrick Rohr hat es für seinen Geschmack besonders schlecht getroffen. Er ist Fotojournalist aus der Schweiz - sein Zimmer bietet ihm aber eher wenige Motive, denn direkt vor dem Fenster ist eine Wand. Er habe schon drei Mal versucht, das Zimmer zu wechseln, sagt er: "Sumimasen, not possible - Verzeihung, geht nicht, sagen sie dann immer. Weshalb nicht, konnte mir noch niemand erklären."

Die Quarantänezimmer zu verlassen ist strengstens verboten. Das Fenster lässt sich nur einen kleinen Spalt kippen, die Tür zu öffnen ist nur erlaubt, um Müll herauszustellen oder das "Flurkörbchen" zu leeren - die einzige physische Verbindung zur Außenwelt: Denn darin deponieren Hotel-Angestellte und sogenannte Verbindungsoffiziere, die die Quarantäne kontrollieren, PCR-Tests und tägliche Gesundheits-Formulare.

Das "Flurkörbchen": Hier landet alles, was zwischen dem Hotelzimmer und der Außenwelt hin und her wandern muss. | Julia Linn/ARD-Studio Tokio

Das "Flurkörbchen": Hier landet alles, was zwischen Hotelzimmer und Außenwelt hin und her wandern muss. Bild: Julia Linn/ARD-Studio Tokio

Auch Essen, das der Lieferservice an der Rezeption abgibt, wird im "Flurkörbchen" abgestellt, denn das Hotel selbst bietet keinerlei Verpflegung an. Wer hungrig ist, muss selbst Essen bestellen - aber nur von neun bis 21 Uhr und bitte nicht zu häufig. "Für die schweren Momente habe ich etwas Süßes", sagt Vanderstukken. Der Belgier hatte den Flugbegleitern erzählt, dass er in Quarantäne muss: "Die haben mir Süßigkeiten gegeben - Stroopwafels und Brownies."

Andere haben bereits zu Hause vorgesorgt und haltbare Lebensmittel nach Japan mitgebracht. Cutter Tim Woynar verlor aber schon am Flughafen Teile seines Proviants: "Meine Kollegin sagte noch: 'Guck mal, der niedliche kleine Beagle'. Wie sich herausstellte, war das der Wurstspürhund und ich musste alles abgeben. Das hätte ich natürlich auch vorher wissen können."

Gemeinsamer Sport per Videokonferenz

Quarantäne-Lichtblicke sind rar, aber es gibt sie, berichtet Reporterin Katharina von Tschurtschenthaler: "Wenn es an der Zimmertür klopft und eine Verbindungsoffizierin steht da mit Blümchen in der Hand: 'Ich habe gehört, Dir fehlen Natur und frische Luft.'" Viele Journalisten bekämpfen den Quarantäne-Zerfall mit Sport - jeden Morgen per Videokonferenz. "Schwitzen gegen den Wahnsinn" steht in der Betreffzeile.

Gemeinsame Sportrunden per Videokonferenz hlefen, die Quarantänezeit zu überstehen. | Julia Linn/ARD-Studio Tokio

Gemeinsame Sportrunden per Videokonferenz helfen, die Quarantänezeit zu überstehen. Bild: Julia Linn/ARD-Studio Tokio

Zwei Wochen nach der Einreise dürfen die Journalisten ihre Quarantäne verlassen. Dann bleiben nur noch wenige Tage, um auch im echten Leben einen Eindruck von den finalen Olympia-Vorbereitungen und der Stimmung im Land zu bekommen - und darüber zu berichten.

Denn daran, dass die Olympischen Spiele am 23. Juli beginnen sollen, hält die japanische Regierung fest. Dabei ist selbst die eigene Bevölkerung skeptisch: Zuletzt hatte eine Umfrage der japanischen Nachrichtenagentur Kyodo News gezeigt, dass 86 Prozent der Menschen einen Pandemie-Rückschlag durch das Großevent befürchten. 40 Prozent der Befragten finden, dass die Spiele ohne Zuschauer stattfinden sollten, fast 31 Prozent sind für eine Absage.

Bislang ist Japan mit etwa 797.000 Corona-Infizierten und knapp 14.700 Toten im internationalen Vergleich glimpflich durch die Krise gekommen. Seit einigen Tagen verzeichnet das Land jedoch wieder einen Anstieg der Fallzahl. Forscher aus Kyoto und Hokkaido warnen: Bis zur Eröffnung der Olympischen Spiele könnte der Anteil der hoch ansteckenden Delta-Variante bei den Neuinfektionen bei mehr als zwei Dritteln liegen - und noch ist nur etwa jeder Zehnte in Japan vollständig geimpft.

Über dieses Thema berichtete BR24 aktuell am 02. Juli 2021 um 11:26 Uhr.