Freiwillige Helfer bei den Olympische Spielen in Tokio gehen im Regencape zu einer Bushaltestelle. | dpa

Freiwillige bei Olympia "Wir sind hier nicht erwünscht"

Stand: 03.08.2021 04:48 Uhr

Olympia funktioniere nur mit freiwilligen Helfern - die Organisatoren nennen sie "das Gesicht und die Kraft hinter den Spielen". Für die wenigen ausländischen Freiwilligen scheint das aber nur begrenzt zu gelten.

Von Julia Linn, ARD-Studio Tokio

Vor drei Jahren hat sie sich beworben und seitdem gezittert, wusste nicht, ob sie bei den Olympischen Spielen in Tokio als Freiwillige dabei sein darf. Eigentlich wurden wegen Corona alle Freiwilligen aus dem Ausland ausgeladen, aber Katrin Groshaupt ist eine von nur 110, die aufgrund ihres Expertenwissens doch einreisen durften. Offiziell gilt sie nun aber als "Sport-Mitwirkende".

Julia Linn ARD-Studio Tokio

Für die Stuttgarterin sind es bereits die dritten Olympischen Spiele, auch in Rio und Pyeongchang war sie dabei. Weil sie selbst lange Zeit Pferde hatte, wird sie beim Reiten eingesetzt. Manchmal als "Maskenpolizei", wie sie sagt, an anderen Tagen sammelt sie Pferdeäpfel auf. Ihre Lieblingsaufgabe sei es aber, die Athleten zu ihren Wettkämpfen zu fahren. Dass sie bei diesen Spielen arbeiten darf, sieht sie gerade in Pandemie-Zeiten als Privileg an. Eine Entlohnung bekommt sie dafür nicht.

Katrin Groshaupt steht im Olympischen Stadion in Tokio. | ARD Tokio

Wegen ihres Fachwissens doch bei den Olympischen Sommerspielen dabei: Katrin Groshaupt Bild: ARD Tokio

Verstecken vor der Bevölkerung

Dennoch: Es sei anders, als sie es von großen Sportveranstaltungen kenne, ihr fehle die Lockerheit. "Wir sind in einer Blase. Ich sage immer: Gefängnis, Gefängnisbus, Arbeitslager", beschreibt Groshaupt ihren Tagesablauf - vom Hotel mit dem Bus zur Wettkampfstätte und wieder zurück. Über jede Sekunde außerhalb des Hotelzimmers ist die 62-Jährige froh. Das Zimmer sei zwar sehr schön, aber ein Fenster könne man nicht öffnen.

Wie genau sie und andere Freiwillige unterbracht sind, darf Groshaupt nicht sagen. Die Olympia-Organisatoren würden nicht wollen, dass die Menschen in Japan wissen, dass sie in einem guten Hotel seien. "Wie sagt meine Chefin? Der Steuerzahler zahlt, obwohl die Bevölkerung eigentlich dagegen ist. Wir sollen auch draußen nicht unsere Uniform tragen", berichtet Groshaupt. Die Freiwilligen fühlten sich nicht erwünscht.

Dabei würden die Spiele ohne Menschen wie Katrin Groshaupt gar nicht stattfinden können, erklärt Freiwilligen-Koordinatorin und Groshaupts Chefin Misae Takahashi. Die Organisatoren hätten hart dafür gearbeitet, dass trotz Corona Helfer aus dem Ausland einreisen dürfen: "Reiten ist in anderen Ländern viel beliebter als in Japan. Deshalb ist besonders hier die Unterstützung ausländischer Freiwilliger wichtig." Die Olympischen Spiele seien außerdem eine weltoffene Veranstaltung, weshalb auch Menschen aus aller Welt beteiligt sein sollten.

Strenge Regeln

Im sogenannten Playbook sind die Regeln für die Freiwilligen und Mitwirkenden wie Katrin Groshaupt festgehalten: Die Maske muss immer und überall getragen werden, "außer beim Essen, Trinken und Schlafen". Zur Ausrüstung der Freiwilligen gehören Stoffmasken, Groshaupt bevorzugt aber FFP2-Masken, die mehr Schutz bieten. Eine weitere zentrale Vorgabe: Abstand halten - zwei Meter zu den Athleten, einen Meter zu allen anderen.

In den ersten 14 Tagen in Tokio darf Groshaupt sich nicht frei bewegen, keine öffentlichen Verkehrsmittel nutzen. Aufhalten darf sie sich nur im Hotel und an Austragungsorten, an denen sie eingesetzt wird. Um ihnen diese Zeit dennoch so angenehm wie möglich zu gestalten, versuchen die Organisatoren, auf die Einsatzwünsche der Freiwilligen einzugehen, sagt Koordinatorin Takahashi.

Während ihres gesamten Aufenthalts muss Groshaupt täglich ihre Körpertemperatur dokumentieren und bestätigen, dass sie keine Corona-Symptome hat. Auch vor jedem Einsatz in einer Wettkampfstätte wird gemessen. Einreisen durfte sie nur mit einem negativen PCR-Ergebnis. "Die Reise beginnt nicht am Flughafen", machen dazu die Organisatoren im Playbook klar. Alle vier Tage wird sie nun getestet, die ersten drei Tage nach der Ankunft sogar täglich.

Inkognito raus aus der Blase

Auch wenn die vielen Regeln anstrengend seien, Groshaupt nimmt das gerne auf sich. Immer wieder führt sie sich vor Augen: "Mehrere Hunderttausend haben sich hier beworben und wurden leider ausgeladen, ich darf bei diesen historischen Olympischen Spielen dabei sein."

Am Freitag darf Groshaupt die Olympia-Blase erstmals verlassen. Einen Monat hat sie dann Zeit, die Olympia-Stadt Tokio kennenzulernen. Inkognito, um niemanden zu verärgern. Denn Groshaupt wird auch bei den Paralympischen Spielen im Einsatz sein.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 25. Juli 2021 um 19:15 Uhr.