In Tikop hält ein Mann ein Schild in die Höhe, auf dem er die Absage der Olympischen Spiele fordert. | AFP

Olympia-Skepsis in Japan "Das Risiko ist zu groß"

Stand: 17.05.2021 17:34 Uhr

Die Vorfreude auf die Olympischen Spiele ist in Japan wegen der Pandemie längst verflogen. Immer mehr Japaner lehnen die Spiele ab, bei Athleten und Sponsoren wachsen die Zweifel. Der Druck auf die Regierung nimmt zu.

Von T. Börgers, ARD-Studio Tokio, zurzeit Hamburg

Eigentlich wollte Thomas Bach heute in Hiroshima sein, um anlässlich des dortigen Fackellaufs an die Opfer des ersten Atombomben-Abwurfs der Geschichte zu erinnern und anschließend mit den Organisatoren der Olympischen Spiele den Blick auf eine friedlichere Zukunft zu werfen. Doch der Besuch des IOC-Präsidenten wurde kurzfristig abgesagt. Die Corona-Lage ließ ihn nicht zu.

Torben Börgers

Am Freitag erreichte die Sieben-Tage-Inzidenz in Japan den höchsten Stand seit dem 12. Januar und den zweithöchsten seit Ausbruch der Pandemie. "Die Zahl der neuen Fälle steigt sehr schnell an", warnte Japans umstrittener Premierminister Yoshihide Suga.

Zehn Wochen vor der Eröffnungsfeier der Olympischen Sommerspiele hat die japanische Regierung den Corona-Notstand im Großraum Tokio bis Ende Mai verlängert und auf drei zusätzliche Regionen ausgeweitet: Hokkaido, Okayama und Hiroshima.

Es wäre ohnehin ein eher trostloser Auftritt geworden: Der Fackellauf ist längst von öffentlichen Straßen verbannt, Zuschauer sind nicht mehr zugelassen. Bei strömendem Regen versammelten sich gerade einmal ein gutes Dutzend Fackelträger im Friedenspark von Hiroshima, um für ebenso viele Fotografen stehend zu posieren. Einer von ihnen sollte der 104-jährige Hiroshima-Überlebende Shoji Tomihisa sein, in seiner Altersklasse japanischer Rekordhalter im 60-Meter-Lauf. Wochenlang hatte er sich auf diesen besonderen Tag vorbereitet - und es sich dann doch anders überlegt: "Ich habe Angst, dass Corona mich erwischen könnte."

In der japanischen Stadt Hiroshima wird die olympische Fackel weitergereicht

Den Fackellauf gibt es zwar noch, doch das Ereignis hat viel von dem verloren, was es einmal ausmachte - auch bei der Zeremonie in Hiroshima

Breite Ablehnung

So wie Tomihisa geht es vielen Japanerinnen und Japanern: Mehr als 80 Prozent sind gegen eine Austragung der Olympischen Spiele in Tokio in diesem Sommer. Das ergab eine heute veröffentlichte Umfrage der Tageszeitung "Asahi Shimbun". Weniger als zehn Wochen vor dem Start der wegen der Corona-Pandemie verschobenen Spiele zeigt die Erhebung auch: 43 Prozent der Befragten sind für eine Absage der Spiele in diesem Jahr, 40 Prozent befürworten eine erneute Verschiebung.

Erst rund drei Prozent der gut 125 Millionen Japaner haben wenigstens eine Impfdosis erhalten, die Krankenhäuser sind trotz einer Sieben-Tage-Inzidenz von 36 Fällen pro 100.000 Einwohnern überfüllt.

Angesichts solcher Zahlen kämpft Premierminister Yoshihide Suga vor den Parlamentswahlen im Spätsommer um sein politisches Überleben und nährte vergangene Woche im Parlament erstmals Zweifel an der Durchführbarkeit des weltweit größten Sport-Events: "Für mich standen die Olympischen Spiele niemals an erster Stelle."

Sponsoren und Sportler machen sich Sorgen

Prominente Sportler wie Tennis-Star Roger Federer überlegen angesichts der Unsicherheit ihre Teilnahme abzusagen: "Ich bin, ehrlich gesagt, hin- und hergerissen", räumte Federer ein. Ähnlich äußerten sich am Wochenende Rafael Nadal, Serena Williams sowie Japans Top-Tennisspieler Naomi Osaka und Kei Nishikori.

Auch die Sponsoren der Spiele werden langsam nervös: "Wir zerbrechen uns täglich den Kopf über den richtigen Weg", sagte Jun Nagata, Top-Manager bei Toyota. Der Chef des japanischen E-Commerce-Konzerns Rakuten, Hiroshi Mikitani, hat die geplante Abhaltung der Olympischen Spiele in Tokio in diesem Jahr als "Selbstmordauftrag" gebrandmarkt und vor gravierenden Folgen gewarnt. Mit Blick auf die Corona-Pandemie sagte Mikitani im Interview mit dem Sender CNN: "Das Risiko ist zu groß." Es sei nicht zu spät, die Olympischen Spiele abzusagen: "Alles ist möglich."

Demo gegen die Olympischen Spiele in Tokio | AFP

Einfach absagen: Die Forderung dieser Demonstranten in Tokio ist eindeutig - sie wollen keine Olympischen Spiele in diesem Jahr. Bild: AFP

Eingeschränkte Bewegungsfreiheit - für Journalisten

Doch selbst wenn die Spiele stattfinden: Ein Fest werden sie wohl nicht mehr. Ausländische Fans sind bereits ausgeschlossen, über inländische Zuschauer soll Anfang Juni entschieden werden. Auch die Bewegungsfreiheit von Journalisten aus aller Welt wird stark eingeschränkt: "Wir werden sie niemals unbeaufsichtigt herumlaufen lassen", so Premierminister Suga. "Wer sich nicht an die Regeln hält, wird abgeschoben."

Ausgenommen von diesen Beschränkungen ist bislang das Heer der mehr als 100.000 Freiwilligen, die während der Spiele frei und ungeschützt durch die Stadt pendeln sollen. Zwei Stoffmasken, eine Flasche Desinfektionsspray und ein Ratgeberbuch: Das ist das komplette Corona-Sicherheitspaket, das den Volunteers zur Verfügung gestellt wird. Keine Coronatests, keine Impfungen.

Täglich in die volle "Bubble"

"Das Virus wird seinen Weg finden", sagt Barbara Holthus, stellvertretende Direktorin des Deutschen Instituts für Japan-Studien in Tokio. "Wir begeben uns jeden Tag in die Bubble und fahren dann wieder nach Hause - in öffentlichen Verkehrsmitteln, die weiterhin voll sind."

Die Wissenschaftlerin hat sich bereits 2018 auf den Job beworben und ist bei den Paralympics für das Rudern eingeplant. Ihre anfängliche Euphorie ist gründlich verflogen: "Ich wünsche mir, dass die Olympischen Spiele dieses Jahr nicht stattfinden - nicht mitten in einer Pandemie, während die Welt leidet."

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 14. Mai 2021 um 12:00 Uhr.