Der Franzose Fichot steht in Tokio (Japan) neben einem Plakat, das auf die Entführung seiner und anderer Kinder durch den Partner aufmerksam macht | REUTERS

Japan Entführt von Mutter oder Vater

Stand: 26.07.2021 15:14 Uhr

Japan kennt kein gemeinsames Sorgerecht. Elternteile können ihre Kinder meist straflos dem anderen entziehen - eine weit verbreitete Form der Kindesentführung. Ein Fall steht nun auf der außenpolitischen Tagesordnung.

Von Julia Linn, ARD-Studio Tokio

Vincent Fichot hat seine Kinder seit drei Jahren nicht gesehen. Als er am 10. August 2018 von der Arbeit nach Hause kommt, ist das Haus leer, seine Frau mit den Kindern verschwunden. Fichot kontaktiert seinen Anwalt: "Er hat mir erklärt, dass meine Kinder entführt wurden und ich sie wahrscheinlich nie wieder sehen werde. Ich dachte, das kann nicht wahr sein", erinnert sich Fichot.

Julia Linn ARD-Studio Tokio

Seit zwölf Jahren war der Franzose zu diesem Zeitpunkt in Japan, dass so etwas häufig passiert, habe er zuvor noch nie gehört. Die Ehe habe gekriselt, aber warum seine Frau diesen Schritt gegangen sei, könne er sich nicht erklären.

Bis zu 150.000 betroffene Kinder jährlich?

Entführt von der eigenen Mutter oder dem eigenen Vater - in Japan ist das keine Seltenheit. Menschenrechtsorganisationen schätzen, dass jedes Jahr 150.000 Kinder betroffen sind. Offizielle Zahlen gibt es nicht.

In Japan existiert kein gemeinsames Sorgerecht. Bei einer Trennung oder Scheidung kann ein Elternteil dem anderen den Zugang zu den Kindern vollkommen entziehen und den Kontakt kappen. Die Gerichte geben meist dem Elternteil das alleinige Sorgerecht, bei dem sich in dem Moment die Kinder aufhalten.

Fichot sagt, er habe mehrfach versucht, Anzeige zu erstatten. Die Polizei habe ihn abgewiesen und gedroht, ihn wegen Entführung zu verhaften, wenn er sich seinen Kindern nähere. Er zog in Japan und Frankreich vor Gericht, mit anderen Eltern sogar bis zum Menschenrechtsrat der Vereinten Nationen und sprach vor dem Europäischen Parlament. Dort wurde im Juli 2020 eine Resolution verabschiedet, die Japan dazu bringen sollte, die Sorgerechtsregeln zu ändern. Vor zwei Jahren traf er den französischen Präsidenten Emmanuel Macron. Bisher hatte nichts Erfolg.

Der Franzose Fichot sitzt in Tokio (Japan) neben einem Plakat, das auf die Entführung seiner und anderer Kinder durch den Partner aufmerksam macht | AFP

Will den Hungerstreik fortsetzen, bis er seine Kinder wiedersieht: Vincent Fichot. Bild: AFP

Hungerstreik am Olympia-Stadion

Nun ist Fichot in einen Hungerstreik getreten - gerade ist die dritte Woche angebrochen. Es sei seine letzte Chance, sagt der 39-Jährige. Sechs Monate lang habe er darüber nachgedacht: "Ich gehe diesen Weg nicht aus Verzweiflung, sondern um meine Pflichten gegenüber meinen Kindern zu erfüllen." Auf diesem Weg seien seine Chancen größer als es je vor Gericht möglich gewesen sei.

Für seinen Hungerstreik hat er einen prominenten Ort gewählt: die direkte Nachbarschaft des Olympia-Stadions. So will er Aufmerksamkeit auf das Thema lenken. Es gehe ihm nicht um sich selbst, betont er immer wieder, sondern um das Leben seiner Kinder. Aktuell wisse er nicht einmal, ob sie leben oder nicht.

Macron versucht zu vermitteln

Am Rande seines Olympia-Besuchs hat sich Macron nun erneut Fichots Situation und damit der Tausender Kinder in Japan gewidmet. Nicht nur Fichot ist französischer Staatsbürger, auch seine heute vier- und sechsjährigen Kinder sind Franzosen. Trotzdem wisse auch der französische Staat nicht, wo sich die Kinder aufhalten, so Fichot. Die japanischen Behörden hätten bislang nicht kooperiert.

Bei einem Treffen mit dem japanischen Premier Yoshihide Suga habe Macron die "extrem tragische Situation" angesprochen, so ein Sprecher des französischen Präsidenten. In einer gemeinsamen Erklärung nach dem Treffen heißt es: "Die beiden Länder arbeiten daran, ihren Austausch zu stärken und gleichzeitig das Wohl der Kinder zu priorisieren."

Macrons Berater haben Fichot außerdem einen Besuch abgestattet. An seinem Hungerstreik würden die politischen Versprechen aber nichts ändern: "Auch wenn Macron mir sagt, dass er mit den japanischen Behörden zusammenarbeitet - ich bleibe hier, bis meine Kinder zuhause sind", so Fichot.