Fumio Kishida | REUTERS

Fumio Kishida Kann er Japans neuer Premier werden?

Stand: 06.09.2021 10:18 Uhr

Nach dem angekündigten Rückzug von Premier Suga beginnt in Japan das Ringen um seine Nachfolge. Der neue Parteivorsitzende wird wohl auch Regierungschef werden. Ex-Außenminister Kishida hat sich nun in Stellung gebracht.

Von Kathrin Erdmann, ARD-Studio Tokio

Fumio Kishida hält ein kleines, dunkles Notizbuch in die Höhe. Es soll ihm auf dem Weg zur Macht helfen. "Ich habe in den letzten zehn Jahren fast 30 solcher Notizbücher benutzt. Darin stehen wertvolle Meinungen aus der Öffentlichkeit", sagt er. "Ich werde aufmerksam auf die Stimmen der Menschen hören und mein politisches Leben aufs Spiel setzen, um eine neue politische Alternative zu präsentieren."

Kathrin Erdmann ARD-Studio Tokio

Dem Volk Gehör schenken

Der 64 Jahre alte Liberaldemokrat Kishida will dem japanischen Volk zurückgegeben, was es seit langem vermisst: dass Politiker ihren Anliegen Gehör schenken. Dafür spart er auch nicht mit Kritik an seiner eigenen Partei, die gerade erst bei der Kommunalwahl in Japans zweitgrößter Stadt eine krachende Niederlage erlitten hat.

"Die Liberaldemokraten müssen sich ändern, sie müssen sich reformieren. Sie sollten durch Reformen Fortschritte erzielen und nicht durch Kritik stagnieren", sagte Kishida schon im April dieses Jahres, als die Liberaldemokratische Partie (LDP) eine Wahl in Hiroshima verloren hatte, woher seine Familie stammt. Viele Angehörige waren durch die Atombombe 1945 ums Leben gekommen. Umso stärker ist das Bild auf seiner Homepage aus dem Jahr 2016. Kishida, damals Außenminister, steht neben US-Präsident Barack Obama vor dem Friedensdom in Hiroshima.

Als früherer Außenminister wolle er über nukleare Abrüstung diskutieren und sich für eine Welt ohne Atomwaffen einsetzen, sagte Kishida im Herbst 2020 im nationalen Presseclub. Darüber hat er sogar ein Buch geschrieben.

Wirtschaftspolitik für die Mittelschicht

Innerhalb der Liberaldemokraten würde Kishida in einigen Punkten für eine neue Linie stehen. So will er den sogenannten Friedensparagraphen, der Japan eine direkte Beteiligung an Kriegseinsätzen untersagt, beibehalten; die sogenannten "Abenomics", die Wirtschaftspolitik des langjährigen Premiers Shinzo Abe, hält er für ungerecht. Die Mittelschicht sei zu kurz gekommen.

Zuletzt versprach Kishida: "Wir sollten rasch ein Konjunkturpaket in Höhe von mehreren Billionen Yen schnüren und auf den Weg bringen. Das sollte sich weder auf eine Branche noch eine Region beschränken und je nach Größe des Unternehmens bis zum nächsten Frühjahr reichen, einschließlich einer Unterstützung für Fixkosten wie Mieten."

Männer-Haushalt mit den Söhnen

Privat führt Kissy, wie Kishida auch genannt wird, ein ungewöhnliches Leben. Seine Frau lebt in Hiroshima, er mit seinen beiden Söhnen in Tokio, wie er vor einem Jahr dem japanischen Sender NTV erzählte: "Ich bin für den Abwasch zuständig, weil ich sonst nichts kann. Das ist auch gut für die Seele, weil ich dann meine Arbeit mal kurz vergessen kann. In einem Männer-Haushalt kann die Arbeitslast mit anderen aufgeteilt werden, was gut ist."

Kishida gilt als starker Trinker. Bei einem Außenministertreffen soll er sich mit seinem damaligen russischen Kollegen Sergej Lawrow einen kleinen Wettkampf geliefert haben. Lawrow schenkte Kishida danach ein verziertes Buch - eine Attrappe. Darin versteckt war eine Flasche Wodka.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 06. September 2021 um 12:35 Uhr.