Tomoaki Onizuka, Polizeichef der Präfektur Nara | dpa

Nach Attentat auf Abe Polizeichef räumt Sicherheitsprobleme ein

Stand: 09.07.2022 17:52 Uhr

Japan gilt grundsätzlich als ein sicheres Land. Der gewaltsame Tod des früheren Regierungschefs Abe hat nun eine Debatte über Sicherheitsmaßnahmen ausgelöst. Die Polizei räumte bereits Probleme ein.

Nach dem tödlichen Angriff auf den japanischen Ex-Regierungschef Shinzo Abe hat der Polizeichef der Präfektur Nara, Tomoaki Onizuka, Sicherheitsprobleme eingeräumt. Woran es genau gelegen habe, müsse noch herausgefunden werden. "Insgesamt hat es ein Problem gegeben, und wir werden es von allen Perspektiven überprüfen", sagte Onizuka. Er spüre ein großes Verantwortungsgefühl.

Japanische Medien berichteten über möglicherweise mangelhafte Sicherheitsvorkehrungen. Beobachtern zufolge hätten Sicherheitskräfte nicht genügend auf den Raum hinter Abe geachtet. Der frühere Polizeiermittler Fumikazu Higuchi sprach von zu wenigen Sicherheitsleuten für einen früheren Regierungschef.

Schutz für Politiker auf dem Prüfstand

Japan gilt als sicheres Land. Angriffe mit Schusswaffen gibt es sehr selten, weil Waffenbesitz streng reglementiert ist. Reden und andere Wahlkampfauftritte von Politikern auf belebten Straßenkreuzungen, vor Bahnstationen oder großen Geschäften gibt es häufig und werden nicht aufwändig abgeschirmt.

Nach den tödlichen Schüssen auf Abe stehen Sicherheitsmaßnahmen für Prominente in Japan auf dem Prüfstand. "Ich glaube nicht, dass es in Japan mit seinen strengen Waffengesetzen genügend Vorsichtsmaßnahmen für Schusswaffen gibt", wurde ein Experte für Personenschutz von der Zeitung "Nikkei" zitiert.

Attentat bei Wahlkampfrede

Der Schütze hatte sich Abe bei einer Wahlkampfrede in der Stadt Nara auf offener Straße von hinten bis auf wenige Meter genähert und dann aus kurzer Entfernung zweimal auf den Politiker geschossen.

Videoaufnahmen zeigen, dass er eine Zeit lang mit der an der Schulter hängenden Waffe wenige Meter hinter Abe stand, dann auf ihn zuging und feuerte. Der erste Schuss ging offenbar fehl. Abe drehte sich nach dem Geräusch um, ein Leibwächter versuchte noch, ihn mit einem kugelsicheren Aktenkoffer zu schützen, doch der zweite Schuss traf Abe.

Der 67-Jährige ging zu Boden und wurde ins Krankenhaus geflogen. Er erlitt einen Herz- und Atemstillstand und starb trotz massiver Bluttransfusionen. Der Schütze wurde noch am Tatort festgenommen. Der 41-Jährige soll mit einer selbst gebauten Waffe geschossen haben.

Zusammenhang mit "religiöser Gruppe"?

Über das Motiv des geständigen Tatverdächtigen gibt es noch keine gesicherten Angaben. Er soll ursprünglich den Anführer einer religiösen Gruppe zum Ziel gehabt haben. Das habe er während der Befragungen durch die Polizei gesagt, berichtet die japanische Nachrichtenagentur Kyodo unter Berufung auf Ermittlerkreise. Er sei "unzufrieden" mit Abe gewesen und habe ihn "töten" wollen, wurde er auch zitiert. Er hege einen Hass auf eine "bestimmte Organisation", zu der Abe Verbindungen habe.

In diesem Zusammenhang werden auch Verbindungen der Mutter des Schützen genannt, die einer religiösen Gruppe nach Angaben des Mannes sehr viel Geld gespendet hatte. Dies habe die Familienverhältnisse zerrüttet, berichtet der öffentlich-rechtliche Fernsehsender NHK.

Bereits kurz nach dem Attentat in Nara hatte die Polizei die Wohnung des 41-Jährigen durchsucht. Dabei wurden mehrere selbst gebaute Schusswaffen sichergestellt. Der arbeitslose Mann diente bis 2005 drei Jahre lang in der Marine. Dort hatte er den Umgang mit Handfeuerwaffen gelernt.

Leichnam nach Tokio gebracht

In Nara nahmen die Menschen großen Anteil am Tod Abes. Am Tatort wurden Blumen und kleine Geschenke abgelegt, viele Trauernde beteten dort. Der Leichnam des früheren Premierministers wurde inzwischen nach Tokio übergeführt. Ein Fahrzeug mit dem Sarg fuhr zum Haus des Politikers. Am Straßenrand warteten Trauernde und verneigten sich.

Über dieses Thema berichtete am 09. Juli 2022 tagesschau24 um 10:00 Uhr und Deutschlandfunk um 13:00 Uhr in den Nachrichten.