Tahrir-Platz mit Tausenden von Menschen | REUTERS

Zehn Jahre Revolution in Ägypten Enttäuschte Hoffnungen statt Freiheit

Stand: 25.01.2021 11:45 Uhr

Vor zehn Jahren demonstrierten in Ägypten Millionen gegen das Mubarak-Regime. Nach nur wenigen Tagen wurde es gestürzt. Viele Erwartungen wurden jedoch nicht erfüllt. Statt Demokratie herrscht erneut Unterdrückung.

Von Jürgen Stryjak, ARD-Studio Kairo

Am 25. Januar 2011 geschieht etwas Unerhörtes. In Kairo gehen rund 25.000 Menschen zu einem ersten machtvollen Protest gegen den damaligen Präsidenten Hosni Mubarak auf die Straße.

Jürgen Stryjak ARD-Studio Kairo

Eine Woche zuvor hatte die Aktivistin Asmaa Mahfouz mit ihrer Handykamera einen leidenschaftlichen Appell aufgezeichnet, der in den sozialen Medien Hunderttausende Ägypter erreichte. "Wenn wir noch ein bisschen Würde haben und wie Menschen in diesem Land leben wollen, dann müssen wir am 25. Januar auf die Straße gehen und unsere Rechte einfordern", sagte Mahfouz in dem Video.

"Wir leben wie zu Pharaonenzeiten"

Drei Tage später, am 28. Januar, demonstrieren bereits rund 100.000 Menschen. Auf die Frage, ob er denn keine Angst vor der Polizei habe, antwortet ein Demonstrant, ohne zu zögern: "Ich habe mehr Angst um mein Land als um mich!" Ein junger Ingenieur zieht zornig einen historischen Vergleich: "Wir leben wie zu Pharaonenzeiten. Aber heute - heute jagen die Sklaven die Pharaonen weg."

An jenem Tag demonstrieren auch Arbeiter, Handwerker und Tagelöhner aus den Armenvierteln, die das Elend, in dem sie leben, satt haben. Außerdem schließen sich immer mehr Muslimbrüder den Protesten an. Die Bruderschaft hatte sich anfangs noch zurückgehalten. Die Demonstranten besetzen den Tahrir-Platz und wollen nicht eher weichen, bis Mubarak zurückgetreten ist.

Tahrir-Platz wird Zentrum des Aufstandes

Bald herrscht Volksfeststimmung auf dem Platz. Die Demonstranten machen aus der Revolution eine riesige Werbeaktion für die Freiheit. An einer Ecke sind Plakate und Kunst zu sehen, an der nächsten treten Musiker auf oder Standup-Comedians.  

Am 11. Februar verkündet Geheimdienstchef Omar Soliman den Rücktritt von Präsident Mubarak. Die Armee übernimmt die Macht - vorerst, wie sie sagt. Sie verspricht, das Land in die Demokratie zu führen.

Nach Mursi übernehmen wieder die Generäle

In den anderthalb Jahren danach kann die Partei der Muslimbruderschaft nicht nur eine Mehrheit im Parlament erringen, ihr Kandidat Mohammed Mursi gewinnt auch die Präsidentenwahl.

Die Islamisten machen vielen Ägyptern Angst. Abdelfattah al-Sisi, damals Verteidigungsminister, erscheint ihnen als Retter. Nach Massenprotesten gegen Mursi stürzt das Militär am 3. Juli 2013 den ersten frei gewählten Präsidenten des Landes. Knapp zweieinhalb Jahre nach der Revolution von 2011 hat also die Armee wieder die Macht im Land.

 "Was damals geschah, wird nie wieder geschehen."

Seit 2014 ist Abdelfattah al-Sisi Präsident. Eine Verfassungsänderung ermöglicht es ihm, bis 2030 im Amt zu bleiben. In den vergangenen Jahren landeten Zehntausende Regimekritiker, Oppositionelle sowie Muslimbrüder im Gefängnis. Die Medien wurden gleichgeschaltet.

Eine mögliche Erklärung für sein repressives Vorgehen liefert al-Sisi Anfang 2018. Mit Blick auf die Revolution von 2011 sagt er mit drohender Stimme: "Was damals geschah, wird in Ägypten nie wieder geschehen. Diejenigen, die damals scheiterten, müssen auch heute erfolglos bleiben."

Bilderstrecke

Zehn Jahre "Arabischer Frühling": Aufstand gegen Mubarak

 

Dieser Beitrag lief am 25. Januar 2021 um 09:50 Uhr auf Inforadio.