Ein Passant schiebt sein Fahrrad in Ramat Gan (Israel) an Wahlplakaten vorbei | AP

Netanyahus Konkurrenten Eine Frage der Einigkeit

Stand: 22.03.2021 13:02 Uhr

Lange Jahre galt in Israel, dass Premier Netanyahu Konkurrenten besiegt oder einbindet. Bei der Parlamentswahl aber werden ihm Stimmenverluste vorausgesagt. Reicht das für seine politischen Gegner?

Von Benjamin Hammer, ARD-Studio Tel Aviv

Die vier wichtigsten Konkurrenten von Benjamin Netanyahu sind untereinander nicht gerade die besten politischen Freunde. Was sie eint, ist der Wunsch, den israelischen Premierminister endlich aus dem Amt zu drängen.

Benjamin Hammer ARD-Studio Tel Aviv

Da ist der ehemalige TV-Journalist Yair Lapid, der Benjamin Netanyahu vorwirft, in einer Blase zu leben und den Bezug zur Realität verloren zu haben. Da ist Netanyahus einstiger Parteikollege Gideon Sa’ar, der Netanyahu auffordert endlich loszulassen. Da ist der rechtsnationale und religiöse Politiker Naftali Bennet, der Netanyahu vorwirft, nicht die Wahrheit zu sagen. Und dann ist da noch der rechtsnationale, aber säkulare Avigdor Lieberman, der sagt, Netanyahu werde von seiner Familie erpresst, die so politisch Einfluss nehme.

Überschaubare Gemeinsamkeiten

Die vier Kandidaten sind alle männlich und gehören dem sogenannten aschkenasischen, also europäischen Judentum an. Auch bei Fragen zur israelischen Besatzung des Westjordanlandes unterscheiden sie sich nicht grundlegend. Das war es aber auch schon mit den Gemeinsamkeiten.

So steht Lapid für ein junges, säkulares Israel. Sa’ar spricht hingegen auch Konservative an. Lieberman ist bei russischstämmigen Juden beliebt, Bennet bei nationalreligiösen Siedlern.

Doch die vier Männer wissen, dass sie Netanyahu, der wegen Korruption angeklagt ist, nur gemeinsam stürzen können. Reuven Hazan, Professor für Politikwissenschaft an der Hebräischen Universität in Jerusalem, spricht von einem "Referendum" über Netanyahu: Die Konkurrenten könnten "für kurze Zeit gemeinsam regieren, während der Gerichtsprozess gegen Netanyahu voranschreitet, der dann nicht mehr Premierminister wäre. In eineinhalb bis zwei Jahren würden sie dann wieder aufeinander losgehen."

Ein enges Rennen zeichnet sich ab

61 von 120 Mandaten brauchen die Netanyahu-Gegner, um ihn zu bezwingen. Das wird laut Umfragen eine schwierige Angelegenheit.

Auf der anderen Seite dürfte auch Netanyahu Schwierigkeiten haben, eine Koalition zu bilden. Auch an dieser Stelle gibt es Unterschiede zwischen Netanyahus Konkurrenten: Viele schließen eine Zusammenarbeit mit dem Langzeitpremier kategorisch aus. Nicht aber Naftali Bennet. Er könnte nach der Wahl sowohl mit als auch gegen Netanyahu agieren.

Alle Herausforderer sind einstige Verbündete

Bennet ist ein alter Bekannter von Netanyahu, arbeitete einst für den Premier. Auch Lieberman und Sa’ar sind einstige Verbündete. Irgendwann, sagt der Politikwissenschaftler Hazan, habe Netanyahu sie "als Bedrohung" empfunden: "Und was hat Netanyahu mit allen potentiellen Nachfolgern an seiner Seite gemacht? Er hat sie zerstört. Deshalb mussten sie woanders hingehen."

Der einstige Hauptkonkurrent Netanyahus spielt diesmal kaum noch eine Rolle. Benny Gantz hatte vor der Wahl vor einem Jahr versprochen, unter keinen Umständen mit Netanyahu regieren zu wollen. Er machte es trotzdem. Nun müssen Gantz und sein Bündnis Blau-Weiß sogar um den Einzug in die Knesset bangen.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 20. März 2021 um 06:25 Uhr.