Proteste auf einer Autobahnbrücke | Sophie von der Tann

Parlamentswahl in Israel Wahlkampf auf Brücken

Stand: 31.10.2022 10:50 Uhr

Kurz vor einer weiteren Schicksalswahl in Israel hat sich ein Teil des Wahlkampfs auch auf Autobahnbrücken verlagert. Hier treffen Netanyahu-Gegner auf dessen Unterstützer - und streiten.

Von Sophie von der Tann, ARD-Studio Tel Aviv

Wer in Israel lebt, verbringt viel Zeit im Stau, besonders auf den mehrspurigen Autobahnen. Für Ayelet Perlman sind die Autobahnbrücken deshalb der ideale Ort für Wahlkampf und Protest. "Hier sieht uns jeder und sieht, dass wir da sind und dass wir stark sind", sagt sie und schwenkt die israelische Flagge. Daneben hält sie eine pinke und eine schwarze Flagge, sie wurden zum Symbol der Anti-Netanyahu-Bewegung.

Sophie von der Tann ARD-Studio Tel Aviv

Seit 2019 versammeln sich immer wieder Menschen auf den Autobahnbrücken zu Demonstrationen gegen den ehemaligen Regierungschef Benjamin Netanyahu. Sie protestierten gegen einen Premierminister, der wegen Korruptionsvorwürfen vor Gericht kam. Ihr Slogan damals: "Geh!" Nun steht auf ihren Bannern "Du sollst nicht zurückkommen!"

Ayelet Perlman | Sophie von der Tann

Ayelet Perlman ist 20 Jahre alt und wird am Dienstag schon zum vierten Mal wählen - sie will eine Rückkehr Netanyahus verhindern. Bild: Sophie von der Tann

Knappe Mehrheit für Bündnis um Netanyahu möglich

Netanyahus Likud-Partei könnte laut Umfragen mit rund 30 Sitzen stärkste Kraft im Parlament werden. Mit einem Bündnis aus ultrarechten und religiösen Parteien könnte Netanyahu je nach Umfrage gerade so auf 61 der 120 Sitze kommen.

Ayelet Perlman will das verhindern und kommt deshalb mit ihren Eltern seit zwei Monaten immer wieder auf die Brücke wenige Kilometer nördlich von Tel Aviv. Sie ist erst 20 Jahre alt und wird am Dienstag schon zum vierten Mal wählen gehen. Für ihre Eltern ist es die fünfte Parlamentswahl in weniger als vier Jahren. "Ich habe Angst, dass wir unsere Demokratie verlieren, wenn Yair Lapid nicht gewinnt", sagt ihr Vater Ronen.

Seeabkommen, Fake News, Spaltung

Dann wird er unterbrochen von anderen Aktivisten auf der Brücke: Netanyahus Unterstützern, die blaue Likud-Flaggen schwenken. Sie beginnen zu diskutieren - über das vor Kurzem besiegelte Seeabkommen zwischen Israel und Libanon, über Fake News und die Spaltung im Land.

Dass Netanyahu diese befeuert habe, sieht Boaz Kokia nicht so. Er ist Likud-Wahlkämpfer, hat seinen Sohn 2017 bei einem Anschlag verloren und sieht Netanyahu als Verteidiger der Sicherheit Israels. Dass in dessen möglicher Koalition auch Ultrarechte wie Itamar Ben Gvir Ministerposten bekommen könnten, stört ihn nicht. "Itamar Ben Gvir ist ja moderater geworden", sagt Boaz. Früher habe Ben Gvir gerufen "Tod den Arabern!", heute sage er "Tod den Terroristen!" - "dem stimme ich zu", sagt Boaz Kokia.

Es sind konträre Meinungen, die auf dieser Autobahnbrücke aufeinanderprallen, doch immerhin bleibt es friedlich. Im September kam es mehrmals zu Angriffen auf Anti-Netanyahu Demonstranten. "Sie scheinen die Strategie geändert zu haben", sagt Ayelet. Denn jedes Mal seien nach solchen Angriffen noch mehr Leute zu Demonstrationen gegen Netanyahu gekommen - in der Hoffnung auf eine Regierung um Interimspremier Lapid.

Boaz Kokia  | Sophie von der Tann

Er sieht Netanyahu als Verteidiger der Sicherheit Israels: Boaz Kokia demonstriert auf der gleichen Brücke wie Ayelet Perlman. Bild: Sophie von der Tann

Lapids Koalition hielt ein Jahr

Dessen Koalition aus einem breiten Spektrum rechter und linker Parteien, religiöser und säkularer sowie einer arabischen Partei hatte ein Jahr lang gehalten. Doch ihr gemeinsamer Nenner - Netanyahu verhindern - war nicht mehr stark genug. Lapids Partei wird laut Umfragen auf Platz zwei kommen. Auch er ist angewiesen auf Koalitionspartner, einige der kleinen Parteien in seinem Block kratzen aber an der Einstiegshürde von 3,25 Prozent fürs israelische Parlament.   

Das Wichtigste sei deshalb, die Menschen überhaupt zum Wählengehen zu überzeugen, sagt Uzi Doron, der seit Jahren zu den Protesten kommt. Er wolle seine Stimme der Partei geben, die sie am meisten brauche, um ins Parlament zu kommen. Ganz egal, ob das dann die grüne Meretz-Partei, die linke Awodah-Partei oder sogar eine arabische Partei sei. Das werde er erst am Wahltag entscheiden. Wenn die kleinen Parteien es nicht ins Parlament schaffen, stärkt das Netanyahus Block. Und auch der kämpft um jede Stimme - Wähler mobilisieren, ein Ziel, das die beiden Blöcke teilen.

"Die hupen für uns!" - "Nein, für uns"

Uzi Doron muss laut sprechen, denn die Autofahrer im Stau hupen den Flaggenschwenkern oben auf der Brücke zu. "Die hupen für uns", sagen die einen. "Nein, für uns", sagen die Anderen. Vor dieser Wahl stehen die Aktivisten zum letzten Mal oben auf der Brücke mit ihren Flaggen. Doch sollte es - wie viele Umfragen vorhersagen - zu einer Pattsituation ohne Mehrheit für Netanyahu oder Lapid kommen, könnten sie alle im Frühjahr schon wieder hier stehen, zu einem erneuten Wahlkampf.