Benjamin Netanyahu | AP

Netanyahu warnt radikale Palästinenser "Neue Spielregeln" gegenüber der Hamas

Stand: 21.05.2021 15:06 Uhr

Israels Ministerpräsident Netanyahu hat vor einem neuerlichen Beschuss aus dem Gazastreifen gewarnt und spricht von "neuen Spielregeln" für die Hamas. In Jerusalem gab es wieder Zusammenstöße zwischen der Polizei und Palästinensern.

Nach Inkrafttreten der Waffenruhe im Gaza-Konflikt hat Israels Ministerpräsident Benjamin Netanyahu von "neuen Spielregeln" gegenüber der islamistischen Hamas gesprochen. Israel werde auf neue Raketenangriffe aus dem Gazastreifen in aller Härte reagieren, warnte Netanyahu bei einem Besuch im Militärhauptquartier in Tel Aviv. "Wir haben die Gleichung nicht nur für die Zeit der Operation, sondern auch für die Zukunft verändert."

"Die Hamas kann sich nicht mehr verstecken"

Netanyahu sprach von großen Erfolgen im Kampf gegen die Hamas. Eine unterirdische Mauer entlang des Gazastreifens, die schon vor dem Einsatz fertig gestellt worden sei, habe die Möglichkeit von Angriffstunneln der Hamas komplett unterbunden. Man habe aber auch Verteidigungstunnel zerstört, das sogenannte Metro-System unter Wohngebieten in dem Küstenstreifen selbst. "Die Hamas kann sich nicht mehr verstecken."

Außerdem habe Israels Armee viele führende Mitglieder der militanten Organisationen Hamas und Islamischer Dschihad getötet, sagte Netanyahu. "Wer nicht getötet wurde, weiß, dass unser langer Arm ihn überall erreichen kann - über und unter der Erde." Das weit verzweigte Tunnelsystem unter dem Gazastreifen sei während der Luftangriffe zur "Todesfalle für Terroristen" geworden. Außerdem habe man Drohnen der Hamas sowie ein Marinekommando zur See abgefangen.

Netanyahu dankte US-Präsident Joe Biden sowie anderen ausländischen Politikern für deren Unterstützung. Eskaliert war der Konflikt mit dem Raketenbeschuss Jerusalems durch militante Palästinenser. Dem vorausgegangen waren Zusammenstöße und Konflikte zwischen Juden und Arabern in der beiden Gemeinschaften heiligen Stadt.

Waffenruhe nach elf Tagen Gewalt

Im Gaza-Konflikt schweigen nach elf Tagen Kämpfen zwischen Israel und militanten Palästinensern die Waffen. Seit 02.00 Uhr Ortszeit (01.00 MESZ) gilt eine von Ägypten vermittelte Waffenruhe. In den ersten Stunden hielten sich beide Seiten daran. Zugleich gab es zahlreiche internationale Appelle an Israelis und Palästinenser, sich um eine dauerhafte Friedenslösung zu bemühen.

Das israelische Militär hob indes die Sicherheitsbestimmungen für die Bevölkerung im Süden des Landes wieder auf. Die Menschen im Gebiet an der Grenze zum Gazastreifen waren vom Raketenbeschuss der islamistischen Hamas und ihrer Verbündeten besonders hart betroffen. Allein am Donnerstag harrten sie die meiste Zeit des Tages in Luftschutzräumen aus. Grundsätzlich mussten sie sich auf Weisung der Armee gut elf Tage hindurch in der Nähe der Schutz bietenden Einrichtungen aufhalten. Die Waffenruhe war am Vorabend vom israelischen Kabinett und von der Führung der Hamas in Gaza gebilligt worden.

UN-Hilfswerk warnt vor übertriebenen Hoffnungen

Das UN-Hilfswerk für Palästina-Flüchtlinge (UNRWA) warnte derweil vor übertriebenen Hoffnungen. Die Waffenruhe löse die eigentlichen Probleme nicht, sagte UNRWA-Direktor Matthias Schmale. "Es wird wieder ein Krieg ausbrechen, solange die fundamentalen Ursachen nicht angegangen werden." Die Folgen der in den letzten elf Tagen entfesselten Gewalt sind verheerend.

Die Hamas erklärt sich unterdessen zur Siegerin der kriegerischen Auseinandersetzung mit Israel. Aufnahmen der Nachrichtenagentur Reuters zeigen feiernde Menschen. "Das ist ein Sieg", sagt eine Frau. "Gott stand uns bei. Sie haben junge Männer getötet aber mein Enkelsohn kam auf die Welt. Wir haben ihn nach einem Hamas-Führer benannt. Ein anderes Kind haben wir Schwert der Al-Aksa-Moschee genannt. Gott ist groß."

Die Hamas kontrolliert den Gazastreifen mit harter Hand. Kritische Töne gegenüber der eigenen Führung können die Leute auf offener Straße eher nicht äußern. So oder so aber kann sich die Hamas als Siegerin inszenieren und das gibt ihr in großen Teilen der Bevölkerung Rückhalt.

Zusammenstöße in Jerusalem

Auf dem Tempelberg (Al-Haram al-Scharif) in Jerusalem gab es rund zwölf Stunden nach Beginn der Waffenruhe neue Auseinandersetzungen zwischen Palästinensern und israelischen Sicherheitskräften. Palästinensischen Rettungskräften zufolge wurden 15 Menschen medizinisch behandelt, nachdem die Polizei unter anderem Gummigeschosse eingesetzt hatte.

Nach Angaben der Polizei wurden Beamte zuvor aus einer Menge von Hunderten jungen Menschen mit Steinen und einem Brandsatz beworfen. Daraufhin seien Polizisten aufs Gelände vorgerückt. Viele, die sich auf dem Tempelberg zum Gebet versammelt hatten, verließen die Anlage vor den Konfrontationen. Kleinere Auseinandersetzungen gab es auch an Kontrollpunkten bei Ramallah, Bethlehem und Nablus.

Konflikt war am 10. Mai eskaliert

Der Konflikt war am 10. Mai mit dem Raketenbeschuss der Hamas auf Jerusalem eskaliert. In Israel starben zwölf Menschen, mehr als 300 wurden verletzt. Nach Angaben des palästinensischen Gesundheitsministeriums wurden bis Donnerstag 232 Palästinenser getötet, unter ihnen 65 Kinder und Jugendliche. 1900 Menschen erlitten Verletzungen. Bei den israelischen Luftangriffen wurden 1800 Wohnungen und Häuser zerstört, darunter fünf Hochhäuser. Krankenhäuser und Straßen wurden schwer beschädigt.

Die militanten Palästinenser schossen nach israelischen Angaben insgesamt 4340 Raketen auf das Land ab. Rund 90 Prozent der Geschosse fing nach diesen Angaben das israelische Abwehrsystem "Iron Dome" ab. Erstmals erreichten Raketen in beträchtlicher Zahl auch die Küstenmetropole Tel Aviv, das Wirtschaftszentrum Israels.

Mit Informationen von Benjamin Hammer, ARD-Studio Tel Aviv

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 21. Mai 2021 um 14:00 Uhr.