Palästinenser feiern in einer Straße in Gaza-Stadt die Waffenruhe. | dpa

Waffenruhe in Nahost Freude und Skepsis

Stand: 21.05.2021 09:09 Uhr

Elf Tage dauerten die heftigen Kämpfe zwischen Palästinensern und Israelis. Nun ist eine Waffenruhe in Kraft. Die Menschen in der Region sind erleichtert - und fragen sich zugleich: Wie lange wird sie halten?

Von Kilian Neuwert, ARD-Studio Tel Aviv, zzt. München

Autofahrer hupen, fahren teils Stoßstange an Stoßstange. Das Licht der Autoscheinwerfer ist das einzige, das die Straße erhellt. Die Gebäude ringsherum sind dunkel. Es gibt keinen Strom.

Bilder, die die Nachrichtenagentur Reuters in der Nacht aus Gaza-Stadt verbreitete, zeigen so etwas wie Leben auf den nächtlichen Straßen des Gazastreifens. Einzelne Menschentrauben sind zu sehen, Freudenschüsse wurden gemeldet.

Um zwei Uhr Ortszeit trat die Waffenruhe zwischen Israel und militanten Palästinensergruppierungen im Gazastreifen in Kraft. Elf Tage lang hatten sich beide Seiten zuvor bekämpft.

"Keine Vereinbarungen für die Zukunft"

Auch in Tel Aviv gingen Menschen in der Nacht auf die Straße. Die Meinungen sind gemischt: "Ich denke, der Waffenstillstand hält keine acht Stunden. Die schießen wieder Raketen auf uns und werden versuchen, unsere Leute umzubringen", sagt der eine. "Ich denke, es ist gut aus humanitären Gründen. Damit die Zivilbevölkerung auf beiden Seiten etwas zur Ruhe kommt. Aber ich denke nicht, dass Israel viel erreicht hat. Es gibt keine Vereinbarungen für die Zukunft. Nichts", sagt der andere.

Guterres mahnt Dialog an

UN-Generalsekretär Guterres begrüßte die Waffenruhe. Er forderte alle Seiten auf, sich daran zu halten: "Ich denke, es wird sehr wichtig sein, die Waffenruhe nun aufrechtzuerhalten. Ich denke, ein Programm für humanitäre Hilfe und Wiederaufbau in Gaza wird sehr wichtig sein. Und ich denke, es wird sehr wichtig sein, den Friedensprozess wieder mit Leben zu erfüllen, um eine Zweistaatenlösung zu erreichen."  

Allen vorliegenden Informationen nach hält die Waffenruhe bislang. Kurz vor zwei Uhr in der Nacht hatten in südisraelischen Städten noch die Luftschutzsirenen geheult. Dann kehrte Ruhe ein. Pünktlich.

Internationale Vermittlung gelungen

Mehr als 4300 Raketen hätten militante Palästinenser seit Beginn der Eskalation auf Israel gefeuert, so die israelische Armee. Israel flog unter anderem Luftangriffe auf Ziele im Gazastreifen. Auf beiden Seiten gab es Tote und Verletzte.

Dass es nun eine Feuerpause gibt - nach den heftigsten Gefechten seit Jahren - wird als Erfolg internationaler Vermittlungen gewertet. In einer Erklärung des israelischen Ministerpräsidenten war von einer ägyptischen Initiative die Rede.

Auch die USA hatten verhandelt. US-Präsident Biden sagte: "Ich weite meine große Dankbarkeit aus für Präsident al-Sisi und die hochrangigen ägyptischen Vertreter, die eine entscheidende Rolle gespielt haben. Ich schätze auch die Mitwirkung anderer Parteien in der Region, die sich engagiert haben, um auf ein Ende der Feindseligkeiten hinzuarbeiten. Diese Feindseligkeiten hatten den tragischen Tod so vieler Zivilisten zur Folge, darunter Kinder. Mein Beileid allen Familien - israelischen und palästinensischen -, die Angehörige verloren haben. Ich hoffe, dass die Verwundeten genesen.

Während international längst eine Waffenruhe gefordert wurde, hatte die israelische Führung den Militäreinsatz in den vergangenen Tagen stets fortgesetzt. Man wolle die militanten Palästinensergruppierungen im Gazastreifen längerfristig schwächen, strategische Ziele erst erfolgreich bekämpfen - so lautete die Argumentation. Auch militante Palästinenser feuerten ungeachtet aller Aufrufe bis zuletzt weiter Raketen auf Israel.

Wie geht es weiter?

Ein Hamas-Sprecher sagte noch in der Nacht, das palästinensische Volk habe den Aufstand unterstützt. Es wisse, dass es der Aufstand sei, der das Land befreien und die Heiligen Städte schützen werde.

Wie lange die Waffenruhe bei dieser Ausgangslage hält, muss sich erst noch zeigen. Denn so oft schwiegen die Waffen schon zwischen Israel und militanten Palästinensern - zeitweise. Doch an den grundlegenden Problemen - am Konfliktszenario - hat sich wenig geändert.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 21. Mai 2021 um 09:00 Uhr.

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KOMMENTARE

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Bobinho 21.05.2021 • 14:55 Uhr

14:47 von fathaland slim

"Wir sehen hier ein klassisches Beispiel für das Recht des Stärkeren" Ja, 1948 wollten die vermeintlich Stärkeren ihr Recht des Stärkeren durchsetzen und sind dabei gescheitert. Hätte die Hamas das Recht des Stärkeren auf ihrer Seite, gäbe es kein Israel mehr.