Raketen werden aus Gaza-Stadt abgefeuert. | AFP

Eskalation in Nahost Todesopfer bei Raketenangriffen auf Tel Aviv

Stand: 12.05.2021 05:10 Uhr

In der israelischen Küstenmetropole Tel Aviv sind bei weiteren Raketenangriffen der radikalislamischen Hamas mehrere Menschen ums Leben gekommen. Israel reagierte mit schweren Gegenangriffen.

Die radikalislamische Hamas hat nach eigenen Angaben in der Nacht erneut dutzende Raketen in Richtung Israel abgeschossen. Der bewaffnete Arm der Hamas teilte mit, er feuere derzeit 110 Geschosse auf Tel Aviv und 100 weitere auf die Stadt Beerscheva ab. Die Attacke sei eine Antwort auf den Angriff des israelischen Militärs auf ein Hochhaus im Gazastreifen. 

Zuvor hatte die Hamas die Zerstörung eines neunstöckigen Gebäudes im Zentrum von Gaza-Stadt gemeldet. In dem Haus befanden sich demnach Wohnungen, Geschäfte und ein örtlicher Fernsehsender. Die Hamas hatte bereits am Dienstagabend 130 Raketen auf Tel Aviv abgefeuert.

Raketenalarm in Tel Aviv

In der israelischen Küstenmetropole ist auch am frühen Morgen binnen kurzer Zeit mehrfach Raketenalarm ausgelöst worden. In der Stadt waren heulende Warnsirenen und mehrere Explosionen zu hören. "Familien werden aufgeweckt und eilig in Schutzräume gebracht", hieß es auf der Twitter-Seite der israelischen Armee.

Auch in der Beerscheva im Süden des Landes sowie in der Küstenstadt Aschkelon gab es Raketenalarm. In der Stadt Lod wurden ein Mann und ein Mädchen durch Raketen aus dem Gazastreifen getötet. Ihr Auto sei von einem Geschoss getroffen worden, teilte die israelische Polizei mit. Das Mädchen sei noch vor Ort gestorben, der etwa 40 Jahre alte Mann sei im Krankenhaus für tot erklärt worden.  In Jehud, ebenfalls im Großraum Tel Aviv, sei ein Haus direkt getroffen worden. Die Nachrichtenseite "Ynet" berichtete, ein 84-Jähriger in Tel Aviv sei auf dem Weg zu einem Schutzraum zusammengebrochen.

Israels Ministerpräsident Benjamin Netanyahu hatte zuvor im Fersehen erklärt, militante Palästinenser würden "einen sehr hohen Preis" für die Raketenangriffe zahlen müssen. Israel werde die "Stärke und Häufigkeit" seiner Luftangriffe angesichts des anhaltenden Beschusses erhöhen.

Bereits am Dienstagabend war in Tel Aviv Raketenalarm ausgelöst worden, mehrere Explosionen waren zu hören. Zuvor hatte die israelische Armee ein Gebäude mit Büros von Mitgliedern des Hamas-Politbüros und Sprechern der islamistischen Palästinenserorganisation im Gazastreifen zerstört. Ein Sprecher der Hamas hatte zuvor mit einem "harten" Raketenangriff auf Tel Aviv gedroht, sollte der "Hanadi-Turm" zerstört werden.

Israelische Behörden verhängen Ausnahmezustand für Stadt Lod

Die israelischen Behörden verhängten in der Stadt Lod den Ausnahmezustand, nachdem es nach Polizeiangaben zu "Ausschreitungen" der arabischen Minderheit gekommen war. Der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanyahu habe grünes Licht dafür gegeben, teilte sein Büro mit. Zuvor war es in der im Zentrum des Landes gelegenen Stadt laut der israelischen Polizei nach dem gewaltsamen Tod eines arabischen Israelis zu "Ausschreitungen" der örtlichen arabischen Minderheit gekommen. 

Israelischen Medien zufolge wurden dabei drei Synagogen und mehrere Geschäfte in Brand gesetzt. Nach Polizeiangaben wurden auch mehrere Fahrzeuge angezündet. "Es kam zu weitreichenden Unruhen, die von einigen arabischen Bewohnern ausgingen und die Bevölkerung gefährdeten", teilte die Polizei mit. Bereits am Montag war es in Lod zu gewaltsamen Zusammenstößen gekommen, bei denen ein arabischer Israeli getötet wurde. Am Dienstagabend habe sich die Situation dann zugespitzt, berichtete die Polizei.

Rund 47.000 der 77.000 Einwohner von Lod sind Juden, 23.000 sind arabische Israelis.  Die Regierung kündigte die Entsendung von Verstärkung an. Netanyahu sei selbst in die Stadt nahe der Metropole Tel Aviv gereist, um zur Ruhe aufzurufen, berichtete ein AFP-Reporter.

Hamas: "Werden keinen Rückzieher machen"

Der Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern hatte sich in den vergangenen Tagen wieder zugespitzt. Militante Palästinenser feuerten nach Angaben der israelischen Armee seit Montag mehr als 800 Raketen aus dem Gazastreifen in Richtung Israel ab. Israels Luftwaffe habe ihrerseits rund 500 Ziele in dem abgeschotteten Küstengebiet attackiert. Auf beiden Seiten gab es Todesopfer.

Der gegenseitige Beschuss hielt auch in der Nacht zum Mittwoch an. Die Hamas werde keinen Rückzieher machen, sagte ein Sprecher der militanten Islamisten im Gazastreifen. "Wenn Israel zuschlägt, schlägt der bewaffnete Widerstand zurück."

Dutzende Todesopfer und Hunderte Verletzte

Die israelische Armee teilte in der Nacht mit, sie habe in den vergangenen Stunden "eine Reihe wichtiger Terrorziele und Terroraktivisten im Gazastreifen getroffen". Nach Angaben des Gesundheitsministeriums in Gaza stieg die Zahl der getöteten Palästinenser auf 35, darunter zwölf Kinder und drei Frauen. 233 Menschen seien verletzt worden.

Auf israelischer Seite wurden auch zwei Frauen durch Raketen aus dem Gazastreifen getötet. Wie der israelische Rettungsdienst Magen David Adom mitteilte, starben die beiden Frauen in der Küstenstadt Aschkelon. Ein Sprecher machte Raketenangriffe aus dem Palästinenser für die Todesfälle verantwortlich. Der Rettungsdienst Zaka berichtete von massivem Beschuss mit Dutzenden Raketen binnen kurzer Zeit - offenkundig mit dem Ziel, das israelische Abwehrsystem Iron Dome (Eisenkuppel) zu überlasten.

"Wir sind bereit für eine Eskalation"

Jonathan Conricus, Sprecher der israelischen Streitkräfte, betonte, Israel tue alles, um "Kollateralschäden zu vermeiden". Es gebe keine Beweise, dass durch die Luftangriffe im Gazastreifen auch Zivilisten getötet worden seien.

Wie zuvor bereits Israels Premierminister Netanyahu stellte auch Conricus in Aussicht, dass die Gefechte länger andauern könnten: "Wir befinden uns in der Anfangsphase unserer Reaktion gegen militärische Ziele im Gazastreifen. Wir sind bereit für eine Eskalation." Conricus warf der palästinensischen Seite vor, die Angriffe lange geplant zu haben.

Israels Verteidigungsminister Benny Gantz genehmigte die Mobilisierung von etwa 5000 Reservisten, die die Streitkräfte unterstützen sollen. Nach Angaben der ARD-Korrespondenten Susanne Glass und Tim Aßmann verstärkt Israel seine Truppen an der Grenze zum Gazastreifen. Mehrere Konvois seien auf dem Weg Richtung Süden.

Hunderte Verletzte bei Zusammenstößen in Jerusalem

Die Hamas hingegen begründete ihren Raketenbeschuss Israels damit, er sei eine Reaktion auf die "Verbrechen und Aggression gegen die heilige Stadt" durch den "Feind Israel". Der Angriff sei eine "ausgleichende Vergeltung". Hier war es in den vergangenen Tagen zu immer drastischeren Zusammenstößen zwischen Palästinensern und israelischen Sicherheitskräften gekommen, bei denen Hunderte Menschen verletzt wurden.

Auslöser waren unter anderem von israelischen Behörden angedrohte Zwangsräumungen der Wohnungen und Häuser palästinensischer Familien im Stadtviertel Scheich Dscharrah und die Absperrung des Tempelbergs in der Altstadt durch die Polizei.

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 11. Mai 2021 um 22:15 Uhr.