Reuven Rivlin | AP

Israels Parlament wählt Präsident Politik-Profi gegen beliebte Aktivistin

Stand: 02.06.2021 04:17 Uhr

Israels Parlament wählt heute ein neues Staatsoberhaupt - und bestimmt so die Nachfolge von Reuven Rivlin. Für Kandidat Herzog wäre es die Krönung seiner Karriere, seine Herausforderin Peretz ist beliebt beim Volk.

Von Tim Aßmann, ARD-Studio Tel Aviv

Falls Isaac Herzog Israels nächster Staatspräsident werden sollte, kennt er sich in seinem neuen Zuhause schon ziemlich gut aus: Schon sein Vater Chaim Herzog war Präsident. Er selbst studierte nach dem Armeedienst Jura und machte später in der Politik Karriere. Herzog saß rund 15 Jahre im Parlament, war mehrfach Minister und Vorsitzender der Arbeitspartei, als deren Spitzenkandidat er 2015 einen Wahlsieg knapp verpasste. Seit seinem Abschied aus der Politik ist er Chef der Jewish Agency, die weltweit versucht Juden zur Einwanderung nach Israel zu bewegen. Nun möchte der 60-Jährige oberster Repräsentant seines Landes werden.

Tim Aßmann ARD-Studio Tel Aviv

"Meine persönliche Geschichte und meine langjährige Erfahrung in der Öffentlichkeit lehrten mich, das Wunder der Existenz des Staates Israel niemals als selbstverständlich zu betrachten", sagt Herzog. "Die Verpflichtung zu einem ewigen Israel liegt in meinem väterlichen Erbe, es ist das Zentrum meines Lebens und das Erbe an meine Söhne."

Isaac Herzog nach einem Besuch der Klagemauer. | EPA

Isaac Herzog ist der Vorsitzende der "Jewish Agency". Bild: EPA

Gut vernetzt und hocherfahren

Herzog ist auf der weltpolitischen Bühne hocherfahren und hat viele Kontakte. Als volksnaher bodenständiger Politiker, der schnell einen Draht zu den Menschen findet, gilt er allerdings nicht. Er ist seit seiner Geburt Teil der Elite des Landes. Nun will er ein Präsident für alle Israelis sein und versuchen die Wunden zu heilen, die die jüngste Welle der Gewalt zwischen jüdischen und arabischen Israelis geschlagen hat.

"Ich glaube, dass der kommende Präsident des Staates Israel unsere Spaltung beenden, ein Ziel setzen und das neue Kapitel in unser aller Geschichte schreiben muss - über die Vision des Staates Israel im Jahr 100 seiner Unabhängigkeit", so drückt Herzog es aus. Er gilt bei der Wahl als Favorit wegen seiner guten politischen Vernetzung. In Israel wird der Staatspräsident in geheimer Wahl vom Parlament bestimmt.

Trauer-Aktivistin mit Israel-Preis

Könnte das Volk direkt wählen, würde Israel wohl zum ersten Mal in seiner Geschichte eine Frau an der Staatsspitze bekommen. Miriam Peretz ist beliebt im Land und kommt auf bessere Umfragewerte als ihr Gegenkandidat Herzog. Dass sie in Israel so bekannt ist, liegt vor allem an ihrem Schicksal: Ihr ältester Sohn fiel als Soldat im Südlibanon und ihr zweitältester im Gaza-Streifen. Danach begann sie, sich gesellschaftlich zu engagieren. Zentrales Thema ihrer Arbeit ist, solche Verluste zu verarbeiten. Sie spricht vor Armeeangehörigen, Schülern und Schülerinnen und den Familien von Gefallenen.

Ihr Herz sei nach dem Tod der Söhne gebrochen gewesen, sagt Peretz. "Und mit diesem Herzen wandte ich mich an mein Volk und sprach zu ihm mit einfachen Worten, mit der Sprache des gebrochenen Herzens über dieses Land und sein Erbe, über die Wahl des Guten, über die Freude, über das Leben, über Verantwortung und Teilnahme an der Gesellschaft."

Miriam Peretz am Grab ihres Sohnes Eliraz (Archivfoto von 2010). | picture alliance / dpa

Miriam Peretz am Grab ihres Sohnes Eliraz (Archivfoto von 2010). Bild: picture alliance / dpa

Präsident darf Netanyahu begnadigen

Die Tochter marokkanischer Einwanderer war Lehrerin und Schuldirektorin - und trifft in ihren Reden häufig den richtigen Ton. Wenn sie über sich selbst spricht, klingt das so: "Die Geschichte meines Lebens ist eine einfache Geschichte, die des Staates. Eine Geschichte der Einwanderung, der Integrationsprobleme, eines Übergangslagers, der Gründung einer Familie und ja - auch ich zahlte einen Preis für die Existenz des Staates."

Für ihre Lebensleistung erhielt die 67-Jährige den renommierten Israel-Preis. Nun möchte sie Staatspräsidentin werden. Peretz wurde von keiner Partei nominiert. Die Einwohnerin einer israelischen Siedlung im besetzten palästinensischen Westjordanland wird dem rechten politischen Spektrum zugeordnet.

Egal ob sie oder Herzog die Wahl gewinnen: In die Amtszeit des nächsten Staatsoberhauptes könnte eine sehr wichtige Entscheidung fallen. Der Präsident oder die Präsidentin haben das Recht, Begnadigungen auszusprechen - und das könnte relevant werden, falls der Korruptionsprozess gegen Noch-Premier Benjamin Netanyahu mit einem Schuldspruch endet. Die Frage, ob sie Netanyahu begnadigen würden, haben weder Peretz noch Herzog bisher eindeutig beantwortet.

Über dieses Thema berichtete B5 aktuell im Hörfunk am 02. Juni 2021 um 07:07 Uhr.