Palästinensische Israelis demonstrieren in Umm al-Fahm | AFP

Israel Bauen für Stabilität in Umm al-Fahm

Stand: 04.11.2021 08:50 Uhr

Mit dem neuen Haushalt verbinden arabische Israelis auch die Hoffnung auf mehr Gelder für den Wohnungsbau. Schon genehmigt ist ein großes Bauprojekt - auf schwierigem Terrain.

Jan-Christoph Kitzler, ARD-Studio Tel Aviv

Umm al-Fahm, 60 Kilometer nordöstlich von Tel Aviv, ist die zweitgrößte Stadt in Israel, die überwiegend von palästinensischen Israelis bewohnt wird. Der Bauunternehmer Hasan Mahameed steht vor einem Haus, in dem er einmal selbst wohnen wollte. Eigentlich ist es eher eine Ruine, die seit 20 Jahren nicht fertig wird, weil es keine Genehmigung gibt.

Jan-Christoph Kitzler

Mahameed glaubt auch zu wissen warum: Nicht weit von hier gebe es eine von jüdischen Israelis bewohnte Ortschaft. Der Staat wollte bisher nicht, dass sich die muslimische Bevölkerung von Umm al-Fahm ausbreitet, sagt er - dabei habe sich die Bevölkerung in diesem Zeitraum verdoppelt. "Wo sollen die Leute denn hin?", fragt er. "Sie müssen bauen. Und wenn sie sagen, dafür gibt es in Umm el-Fahm keine Genehmigung, dann wissen die Leute nicht, wohin."

Bauruine in Umm al-Fahm | ARD-Studio Tel Aviv

Seit 20 Jahren steht das Haus von Hasan Mahameed unvollendet in Umm al-Fahm. Kann es jetzt fertig gebaut werden? Bild: ARD-Studio Tel Aviv

Eine Stadt mit vielen Problemen

Die Stadt Umm al-Fahm gilt als schwieriges Pflaster: Es ist hier zu gewaltsamen Protesten gekommen, Clans machten sich breit, in den vergangenen Wochen gab es Tote. Die Stadt sei ein Symbol dafür, dass der Staat Israel seine von palästinensischen Israelis bewohnten Gebiete vernachlässige, sagen Kritiker. Die Polizei gilt als zu wenig präsent, es wird zu wenig in Infrastruktur, Bildung und das Gesundheitswesen investiert.

Die Lage hier ist ein Grund dafür, dass sich viele palästinensische Israelis als Bürger zweiter Klasse fühlen. Zaki Ighbarieh ist stellvertretender Bürgermeister, hat sein Ingenieursstudium im britischen Newcastle gemacht. Er ist zumindest ein wenig optimistisch, dass sich an der jetzigen Situation etwas ändern könnte.

Es gebe da einen Wandel, sagt er, auch wenn das noch nicht reiche. Aber die Regierung wisse, dass sie über die Jahre nicht genug für die arabischen Kommunen im Land getan habe, um die Unterschiede auszugleichen. Jetzt, sagt Ighbarieh, "wollen sie etwas tun, um die Wut, die die Menschen hier haben, zu verringern".

Ein millionenschwerer Investitionsplan

Denn Umm al-Fahm hat etwas erreicht, wovon andere Kommunen in Israel mit überwiegend arabischer Bevölkerung nur träumen. Der Staat hat den Bau neuer Wohnungen genehmigt. Zum ersten Mal. Außerdem könnten Bauten, wie der von Hasan Mahameed zusammen mit 3000 anderen legalisiert werden.

Umgerechnet über 200 Millionen Euro will Israel hier investieren, auch in Infrastruktur, auch in ein neues Gewerbegebiet. Denn die Arbeitslosigkeit ist hoch in Umm al-Fahm, sie liegt bei 24 Prozent.

Proteste der Bewohner von Umm al-Fahm (Israel) gegen die Zustände in der Stadt - | AFP

Erst im Oktober gab es anhaltende Proteste der Bewohner von Umm al-Fahm gegen die Zustände in der Stadt - vor allem gegen die hohe Gewaltrate. Bild: AFP

Das Problem: an Bauland zu kommen

Mohammed Ighbarieh ist im Rathaus für die Entwicklung der Bauprojekte zuständig. Ein Jahr lang habe man mit dem Staat verhandelt, berichtet er. Ein Problem sei es auch gewesen, an Land zu kommen. Große Flächen wurden auch hier nach der Gründung des Staates Israel 1948 beschlagnahmt. Palästinenser machen zwar 21 Prozent der israelischen Bevölkerung aus - aber weniger als drei Prozent des Landes wird von arabisch-israelischen Kommunen verwaltet, schätzen Menschenrechtsorganisationen wie Human Rights Watch. 

In Umm al-Fahm soll nun aber teils auf staatlichem, teils auf privatem Land gebaut werden. Solche Vereinbarungen, weiß der Projektentwickler, gebe es "üblicherweise" für Gegenden, die von Juden besiedelt sind und nicht in arabischen Kommunen. Diese Modell könne helfen, die Wohnraum-Probleme zu lösen. Es gehe dabei zunächst um 5300 Wohnungen.

Wie viel ändert sich wirklich unter Bennett?

Dass die neue israelische Regierung unter Naftali Bennett die bisherige staatliche Politik gegenüber den Kommunen, die überwiegend von Palästinensern bewohnt werden, grundsätzlich ändert, glaubt hier kaum jemand. Aber Umm al-Fahm war in den letzten Monaten wohl einfach zu oft in den Schlagzeilen - wegen der Lebensbedingungen hier.

Hasan Mahameed, der Bauunternehmer, ist auch nicht recht überzeugt davon, dass sich viel bewegt. Aber immerhin hofft er, dass eines Tages sein Sohn in dem Haus leben kann, dass er vor 20 Jahren zu bauen begonnen hat.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 03. November 2021 um 12:42 Uhr.