Koch Uri Buri in den Trümmern seines ausgebrannten Restaurants | Michael Schubitz, ARD
Weltspiegel

Der israelische Koch Uri Buri Ein Versöhner - jetzt erst recht

Stand: 25.07.2021 16:12 Uhr

Im jüngsten Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern war sein Restaurant eines der Ziele: der international bekannte Koch Uri Buri. Kein Zufall, denn er steht für Versöhnung zwischen beiden Seiten. Wie geht es nun weiter?

Von Susanne Glass, ARD-Studio Tel Aviv

Die historische Altstadt von Akko mit ihrer spektakulären Festungsanlage am Mittelmeer ist einer der schönsten Orte Israels. Direkt am alten Hafen stehen die noch immer verkohlten Überreste eines gemauerten Gebäudes mit großen Rundbögen, das längst weltweit Berühmtheit erreicht hat: das Fischlokal von Uri Jeremias, besser bekannt als Uri Buri.

Susanne Glass ARD-Studio Tel Aviv

Das große eiserne Schild mit seinem Namen prangt noch stolz an der Mauer, es hat Brand und Zerstörungswut getrotzt. Ganz wie der Besitzer selbst. Der kocht jetzt vorübergehend im Industriegebiet zwischen Autohändlern. "PopUp-Restaurant Uri Buri" klebt ausgedruckt auf zwei Blättern Papier an der Eingangstür.

Innen duftet es schon am Vormittag nach frisch gepresster Zitrone und gebratenem Knoblauch. Junge Frauen und Männer werkeln in der Küche und hinter dem Tresen. Sie sind Muslime, Juden, Christen. Mittendrin der Mann, der jeden Raum mit seinem Charisma füllt. Sein weißer Bart fällt ihm weit über die Brust, die blauen Augen blitzen vor Lebenslust.

Die Eltern flohen aus Nazi-Deutschland

Uri Buri wurde vor 76 Jahren in Naharija geboren, zehn Autominuten nördlich von Akko. Seine Eltern waren aus Nazi-Deutschland geflohen. Deshalb spricht er fließend Deutsch.

Die ersten Gäste treffen zum Mittagessen ein. An einem Tisch sitzt ein religiöser Jude mit Kippa, daneben eine arabische Familie. Uri Buri begrüßt alle persönlich, bei vielen setzt er sich ein paar Minuten dazu. Ständig klingelt sein Handy mit Reservierungswünschen. Er strahlt Ruhe und Gelassenheit aus, hat gleichzeitig alles im Blick.

Aufgewachsen ist er als Jude gemeinsam mit einem palästinensischen Mädchen, das seine Eltern als Pflegekind aufgenommen haben. Von klein auf prägen ihn der Wille nach Aussöhnung und gegenseitigem Respekt. In einer Region, in der viele das Trennende betonen. "Ich sage immer", so Uri Buris bemerkenswerte Begründung, "wenn einer sein ganzes Leben lang ein Pessimist ist und am letzten Tag erfährt, dass er falsch lag, dann hat er sein ganzes Leben versaut. Aber wenn einer ein Optimist ist und am letzten Tag seines Lebens merkt, dass das ein Fehler war, dann hat er nur einen Tag versaut."

Koch Uri Buri in seinem PopUp-Restaurant | Alex Goldgraber, ARD

Ein Platz für alle: Uri Buri versteht sein Restaurant als Ort, der Menschen zusammenführt und nicht trennt. Bild: Alex Goldgraber, ARD

Ein Brand, der ein Symbol sein soll

Am 11. Mai sieht es danach aus, als würden Hass und Pessimismus siegen. Uri Buris Restaurant im Hafen von Akko brennt lichterloh. Auch sein nahes "Efendi"-Hotel wird angezündet. Diese Feuer an Orten, wo Araber und Juden zusammenarbeiten, werden zum Sinnbild für die jüngste Eskalation zwischen Palästinensern und Israelis.

Die Hamas in Gaza hat einen Krieg mit Israel provoziert. Während Raketen und Bomben abgefeuert werden, kommt es innerhalb Israels zu bürgerkriegsähnlichen Szenen. Am Tag danach steht Uri Buri vor den Trümmern seines Lebenswerks, analysiert vor den Kameras: "Uri Buri als ein Symbol von Koexistenz war eines der ersten Ziele, das die Radikalen ausgewählt haben, um ein weltweites Echo zu erreichen."

Aus dem Restaurant konnten sich alle retten. Aber einer der Hotelgäste verstirbt Wochen später an seinen Verletzungen. Die Feuer hatten arabische Jugendliche gelegt. Aber für Uri Buri zählt jetzt viel mehr, dass seine arabischen Nachbarn und Mitarbeiter gekommen sind, um bei den Aufräumarbeiten zu helfen.

Uri Buri's ausgebranntes Restaurant von außen. | Michael Schubitz, ARD

Das Restaurant am Tag nach dem Brand - der Angriff galt vor allem den Ideen, für die es stand. Bild: Michael Schubitz, ARD

"Wir können und müssen zusammenleben"

Noch während er Ruß und Dreck zusammenkehrt, denkt er darüber nach, wie er so rasch wie möglich weitermachen kann. "Mir war klar, dass sonst meine Leute vor dem Nichts stehen. Außerdem habe ich immer noch das Verlangen zu zeigen, dass wir zusammenleben können und müssen."

Auf den Bildern von Mai sieht man einen jungen Araber mit Tränen in den Augen an der Seite von Uri Buri. Zweieinhalb Monate später strahlt Ahmed Abu Hadra überglücklich unter seiner Kochmütze am Herd des PopUp-Restaurants. "Das hier ist für mich viel mehr als nur ein Arbeitsplatz, das ist meine Familie, meine zweite Heimat, das ist mein Leben." Die Aussage "wir sind wie eine große Familie" fällt auffallend oft auf die Frage, was sie an ihrem Arbeitsplatz schätzen.

Was wohl auch daran liegt, dass Uri Buri auch ungelernten Menschen eine Chance zur Ausbildung gibt. Denn er ist selbst Autodidakt, kann auch keine Ausbildung zum Koch vorweisen.

Die historische Altstadt von Tel Aviv | AFP

Akko liegt im Norden Israels in der Bucht von Haifa - die Altstadt gehört zum UNESCO-Weltkulturerbe. Bild: AFP

Auf die Balance kommt es an

In der Küche herrscht jetzt am Abend höchste Intensität. Uri Buri ist bekannt für eher kleinere Portionen, dafür viele Gänge. Ein Geschmacksfeuerwerk aus Zutaten verschiedener Kontinente. Er kombiniert oft überraschend, aber er schafft es jeweils, alle Ingredienzen zu einem stimmigen Geschmack auszubalancieren.

Bis das ausgebrannte Restaurant und das Hotel wiedereröffnet werden können, beschäftigt er alle seine Leute in diesem PopUp. Dank ihm konnten sie relativ schnell in ihren Alltag zurückfinden. Für die Stadt Akko gilt dies bisher nicht. "Die Altstadt war früher voller Menschen", erzählt seine jüdische Mitarbeiterin Daphne Starkmann. "Jetzt ist sie leer. Und viele Leute fragen mich, ob ich dort keine Angst habe."

Uri Buri hofft, dass er in drei Monaten in sein Restaurant zurückkehren und sein Hotel in einem ottomanischen Palast wieder öffnen kann. "Dass dort ein Gast gestorben ist, liegt mir schwer auf der Brust. Ich denke ständig daran. Auch wie man sicherstellen kann, dass so etwas nie wieder passiert." Auch deshalb will Uri Buri nicht aufgeben. Um den Brandstiftern von Akko nicht den Sieg zu überlassen.

Diese und weitere Reportagen sehen Sie im Weltspiegel - heute um 19.20 Uhr im Ersten.

Über dieses Thema berichtete das Erste im "Weltspiegel" am 25. Juli 2021 um 19:20 Uhr.