Der israelische Premierminister Benjamin Netanyahu spricht bei einem Besuch in der Stadt Lod mit der Presse. | AFP

Konflikt in Nahost Schock und Drohungen nach Raketenbeschuss

Stand: 12.05.2021 12:32 Uhr

Mit dem gegenseitigen Beschuss hat der Konflikt zwischen Israel und militanten Palästinensern eine neue Eskalationsstufe erreicht. Auch nach den Gefechten schlagen beide Seiten nach wie vor drohende Töne an.

Von Benjamin Hammer, ARD-Studio Tel Aviv

Israel am Morgen danach - nach einer Nacht mit den vielleicht schwersten Raketenangriffen in der Geschichte des Landes. Ein Lastwagen fährt einen Panzer in das Grenzgebiet zum Gazastreifen. Das heißt noch nicht, dass der auch zum Einsatz kommt.

Benjamin Hammer ARD-Studio Tel Aviv

Nach einer Beruhigung der Lage sieht es aber auch nicht aus. In zwei Angriffswellen hatten die Hamas und der Islamische Dschihad Hunderte Raketen auf den Großraum Tel Aviv abgefeuert. Das israelische Abwehrsystem kam an seine Grenzen.

"Alle bluteten, es gab Schreie"

Vereinzelt schlugen die Raketen ein - zum Beispiel in Holon, einem Vorort von Tel Aviv. Hier starb eine Frau, andere wurden verletzt. Ein Ladenbesitzer in der Gegend sprach mit dem israelischen Fernsehkanal 12:

Heute früh geht es mir schon etwas besser, aber all das Hämmern und all die Geräusche machen mir schreckliche Angst. Ich war gestern im Begriff, meinen Laden zu schließen. Ich stand also am Eingang, um die Tür abzuschließen und auf einmal - ich konnte mich nicht einmal umdrehen - knallte es und ich flog sechs Meter weit Richtung Theke. Als ich da lag, kamen Leute, um ich hochzuheben. Alle bluteten, es gab Schreie und die Menschen standen unter Schock.

Wohl auch Kinder durch Beschuss getötet

Ein Handy-Video soll Angriffe der israelischen Luftwaffe auf den Gazastreifen zeigen. Die israelische Armee griff unter anderem Häuser von Kommandeuren der Hamas an, die Gaza kontrolliert. Die palästinensische Seite spricht von mindestens 35 Menschen, die ums Leben kamen. Darunter Kämpfer militanter Organisationen, aber nach palästinensischen Angaben auch Kinder.

Israels Premierminister Benjamin Netanyahu hatte angekündigt, dass die Hamas einen hohen Preis für ihre Aggressivität zahlen werde. Er stimmte die Israelis auf eine längere militärische Konfrontation ein.

Zusammenstöße zwischen arabischen und jüdischen Israelis

Schon mehrfach kam es in den vergangenen Jahren zum Krieg zwischen Israel und der Hamas. Doch diesmal ist die Lage noch komplexer. Das liegt am Auslöser der jüngsten Eskalation: den Unruhen im von Israel besetzten Ost-Jerusalem.

Es liegt aber auch daran, dass es schwere Zusammenstöße und Unruhen in Orten gibt, in denen arabische Israelis leben, wie in der Stadt Lod im Zentrum des Landes. Hier soll ein arabischer Israeli von einem jüdischen Israeli erschossen worden sein, angeblich aus Notwehr. Anschließend kam es in Lod zu schweren Auseinandersetzungen zwischen arabischen Israelis und der Polizei. Arabische Israelis setzten eine Synagoge in Brand.

In der Hafenstadt Akko, die bei allen Spannungen als relatives gelungenes Beispiel für ein gutes Zusammenleben zwischen Juden und Arabern gilt, wurde ein sehr bekanntes Restaurant zerstört. Der Besitzer setzt sich seit Jahren für einen Ausgleich zwischen den Bevölkerungsgruppen ein.

Ordnung mit "eiserner Hand" wiederherstellen

"Es wird versucht, uns um Jahre zurückzuwerfen", sagte Netanyahu bei einem Besuch in Lod. "Das ist weder im Interesse der jüdischen noch der arabischen Bürger. Die Ordnung muss mit Stärke und eiserner Hand wiederhergestellt werden."

Ohad Hemo ist Kommentator im israelischen Fernsehkanal 12: "Trotz der vielen Raketen: Ich denke, dass dies der größte Erfolg der Hamas ist. Sie hat zwischen Jerusalem, den arabischen Israelis und dem Gazastreifen eine Verbindung hergestellt."

Der Analyst zitiert einen Sprecher der Hamas: Der sagte in Richtung der arabischen Israelis, die Hamas werde ihr "Schwert und Schutzschild" sein. Die Auswirkungen der Kämpfe könnten langwierige Folgen haben, auch für das Zusammenleben von Juden und Arabern in Israel.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 12. Mai 2021 um 12:00 Uhr.